WIE SCHÖN?

Der Schönheitsmarkt boomt. Rund 86 Prozent der Menschen, die sich für eine Schönheitsoperation entscheiden, sind nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie (DGÄPC) weiblich. Der Wunsch nach Veränderung kann dabei schnell zur Sucht werden, der Körper zum fragwürdigen Kunstobjekt. Die Modetheoretikerin Dr. Diana Weis hat über die Strategien des Schönheitshandelns promoviert und darin die Wahrnehmung von Attraktivität unter dem Einfluss von Botox untersucht.

 

 

WERK VI: Schönheit spielt eine immer wichtigere Rolle in unserer Gesellschaft. Schönheitsoperationen auch…

DIANA WEIS: Beim Schönheitsboom der letzten Jahre geht es eigentlich kaum noch um Operationen. Das sind eher minimalinvasive Eingriffe im Gesichtsbereich mit Botox oder Fillern. Viele Start-Ups in diesem Bereich locken Kundinnen mit solchen Unterspritzungen. Die Lippen aufspritzen lassen, ein bisschen Botox – das ist alles nicht so teuer und wird schnell ambulant gemacht. Und es funktioniert wie eine Einstiegsdroge: Bei guter Erfahrung nimmt man sie wieder.


Und spielen soziale Medien wie Instagram dabei eine Rolle?

Social Media hat sehr viel damit zu tun. Ich vertrete dennoch die Ansicht, dass es nicht unbedingt nur ein Zeichen unserer Zeit ist, wenn Menschen ihr Aussehen verändern wollen. Leute haben schon immer verrückte Sachen gemacht, um ihr Äußeres zu manipulieren. Interessant an Social Media ist, dass Leute stärker durch Bilder kommunizieren. Die Bildkompetenz wird immer wichtiger, die Menschen nehmen sich immer mehr selbst als Bild wahr. Wie bei dem Phänomen, dass sich Jugendliche nicht mehr im Spiegel angucken um zu sehen, wie ihnen der Lippenstift steht, sondern ins Handy schauen.

 

 

Welche Rolle spielt dabei der Wunsch nach Individualität?

Heute geht es um den Status und nicht mehr um Individualität wie früher. Das Ergebnis ist eine neue Art von Einheitslook. Das sind die langen Wimpern, die spitzen Fingernägel, die aufgespritzten Lippen, die langen Haare mit Extensions – das sind alles künstliche Attribute, Zeichen für einen teuren Einheitskörper.  Wir leben in einer Zeit, in der die Unterschiede zwischen arm und reich wieder größer werden und die Leute Angst davor haben, sozial abzusteigen. Diese Einheitskörper bekommen damit eine Art Beweiskraft, mit der man zeigt, dass man es sich leisten kann und zu einer bestimmten Schicht dazugehört.

Und der große Wendepunkt – kommt der noch? Zurück zur Natürlichkeit?

Das wird es immer parallel geben. Da gibt es die Mädchen mit den langen Wimpern, Nägeln und aufgespritzten Lippen – der Typ, der schon immer viel Wert auf sein Aussehen gelegt hat. Und es wird immer Mädchen geben, die das nicht machen. Bei TV-Formaten wie „Keeping Up with the Kardashians“ sieht man, dass Botox eine 2D-Technik ist, die nur auf dem Foto gut aussieht. Emotionen zeigen sieht damit komisch aus – da müssen sich die Techniken noch anpassen. Es ist eine neue Gesellschaftsschicht entstanden, die ihre Mimik im Gesicht immer mehr verliert.

Was unterscheidet diese beiden Typen Frau voneinander?

Ein plastischer Chirurg hat einmal gesagt, zu ihm kämen nur die schönsten Frauen. Die, die von klein auf gelernt haben, sich auf ihr Aussehen zu verlassen und die beim Älterwerden die Krise bekommen. Frauen, die von Anfang an nicht als Beauty wahrgenommen wurden, haben früh gelernt, andere Strategien zu entwickeln, und es macht ihnen nichts aus, älter zu werden.

Schönheit ist also auch eine Art Waffe, die man einsetzen kann?

Auf jeden Fall! Es gibt viele Studien, die zeigen, dass es schöne Menschen leichter haben, beliebter sind, mehr Geld verdienen und geringere Strafen bekommen. So etwas heißt Schön-und-gut-Stereotyp. Schönes Aussehen verknüpft man daher unbewusst mit anderen positiven Charaktermerkmalen. Wir leben in einer Welt, die sehr visuell funktioniert und in der ein bestimmtes Aussehen nicht nur immaterielle Vorteile verschafft, sondern man damit auch noch Geld verdienen kann. Der Erfolg von Stars und Influencern bestätigt das.

Und was bedeutet Altern in unserer Gesellschaft?

Attraktiv, sexy und anziehend zu sein, das sind alles keine Qualitäten, die mit dem Alter verbunden werden. Das führt zu einem Konflikt: Wir werden schließlich immer älter, fitter und möchten auch noch mit 80 an der Gesellschaft teilhaben. Ein wichtiger Schritt ist es, die Sichtbarkeit von älteren Menschen in den Medien zu erhöhen. Wenn eine Frau wie Joan Didion für das Label Céline als Testimonial fotografiert wird, hat das eine positive Botschaft. Dabei geht es dann auch nicht darum, ob sie mit blutjungen Models „mithalten“ kann, sondern darum zu zeigen, dass auch ältere und alte Menschen Wert, Stil und Persönlichkeit besitzen.

Von Anabel Gude

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