Warum wir alle Dadaisten sind

Sommer 2018, irgendwo in Brandenburg. Zwei junge, weibliche Stimmen brüllen mit typisch Berliner Schnauze 70.000 ekstatisch feiernden Menschen entgegen. SXTN nennt sich das Hip-Hop-Duo, das für seine frauenverachtenden Songtexte bekannt ist, und auf dem diesjährigen Fusion Festival seinem Ruf mehr als gerecht wird. Doch zwischen Battlerap-Lines wie „Ich ficke deine Mutter ohne Schwanz“ und „Die Fotzen sind wieder da“ performen die beiden Musikerinnen mit Migrationshintergrund an diesem Abend auch einen Track, der das Publikum überrascht. Zu Opus’ weltbekannter „Live Is Life“-Melodie grölen sie den feministischen Leitspruch „Nein heißt Nein!“ ins Mikrofon – und alle sind begeistert. Während die aufgebrachte Menge die kontroverse Performance schließend lautstark bejubelt, wendet sich die Rapperin Nura auf der Bühne zu ihrer Kollegin Juju und grinst:

„Ey Girl Mann, wir sind sowas von Dada!“

Im Freundeskreis wird Nuras Statement anschließend heiß diskutiert. Wollte die Sängerin sich wirklich auf den Dadaismus beziehen? Meinte sie nicht vielleicht „Gaga“? Und überhaupt, was ist Dadaismus im Jahr 2018? Ein intellektuell wirkender Festivalbesucher mit Hornbrille und Bierdose in der Hand erklärt mit leicht lallender Stimme das dadaistische Manifest aus dem 20. Jahrhundert. Kunstgeschichte würde er studieren, und Dadaismus sei Alles und Nichts.

„Wenn Dada Alles oder Nichts ist, können die Mädels sich doch Dada nennen. So what?“

, sind seine letzten Worte, bevor er Richtung Dancefloor torkelt. Ich beschließe, der Sache auf den Grund zu gehen und das Bild des Dadaisten im Jahr 2018 zu zeichnen. Das dadaistische Alter Ego unserer Gesellschaft sozusagen. Versucht man sich an einer modernen Definition, die den Dadaismus auf das 21. Jahrhundert adaptiert, ist es anfänglich zwingend notwendig, die Gesamtheit dieser Strömung in all ihrer Unterschiedlichkeit zu erkennen. Aus künstlerischer und lyrischer Sichtweise betrachtet liegen Facettenreichtum und (die teilweise widersprüchliche Vielseitigkeit) dieser Bewegung und der daraus hervorgegangenen Werke auf der Hand. Doch es ist besonders die gesellschaftspolitische Entwicklung der grundlegenden Anstöße des Dadaismus, die in einer allgemeinen Unzufriedenheit mit allem Konventionellem und einer daraus resultierenden Auflehnung gegen die gesellschaftliche Norm liegen. Nun leben wir aber in einem technischen Zeitalter, das von Fortschritt, Schnelllebigkeit und Konsum geprägt ist. Nacktheit, Hass, Sex und Gewalt sind omnipräsent wie nie zuvor – was wir nicht zuletzt den Dadaisten zu verdanken haben. Unsere gesellschaftspolitische Grundhaltung legt ein größeres Ego an den Tag als der amtierende amerikanische Präsident. Wir streben nach Selbstinszenierung und –Optimierung, Individualität ist die teuerste Währung unserer Generation. Aber wie und durch was können wir überhaupt noch schockieren, wenn wir als Individuen derartig polarisieren und provozieren, dass „anders sein“ das neue „cool“ ist? Ich denke an den betrunkenen Kunststudenten und realisiere, dass er irgendwie Recht hat. Wenn Dadaismus alles oder nichts ist, dann kann dadaistisch auch alles oder nichts sein. Während ich mich auf Recherche begebe, befrage ich weitere Festivalbesucher. Zwei relativ nüchtern aussehende Mädchen sitzen am Rande eines staubigen Feldweges auf einer Luftmatratze und rauchen. Über eine Stunde lang erklärt mir Laura, warum Donald Trump für sie der lebende Dadaist sei. Aus streng politischer Sicht betrachtet, sei ein Großunternehmer, der in seinen bisherigen 70 Lebensjahren weder ein politisches noch ein militärisches Amt aktiv ausübte, seinen Familiennamen zu einer eigenständigen Marke erklärte und seinem Volk vor allem aus Auftritten in diversen (Reality-)TV-Shows bekannt war, alles andere als ein geeigneter Präsidentschaftskandidat. Und so verkörpere Donald Trump eine ganz neue Identität von Protest, vom Regieren, und ja – von der Politik selbst. Für Laura ist klar, Trump als Präsident ist sowas von Dada. Wenn man dies schon nicht aus seiner politischen Karriere herauslesen kann oder möchte, dann vielleicht aus seiner Frisur?

Am nächsten Tag spreche ich mit einem pickligen Dreißig-Jährigen mit Rauschebart, Bierbauch und Goa-Hose. Er ist ganz offensichtlich Atheist und fachsimpelt mit mir über den Zusammenhang von Dadaismus und Religion.

„Ich meine, ein Mann, der übers Wasser läuft. Ein Mann, der tot war und doch nicht tot ist. Ein Mann, der gerne als Antilope wiedergeboren werden möchte. Als Antilope! Du weißt schon, was ich meine oder?“

Um ehrlich zu sein weiß ich es nicht; eine wichtige Erkenntnis ziehe ich dennoch aus dieser Unterhaltung. Dadaistische Züge lassen sich also auf die verschiedensten Umstände und Situationen projizieren. Dadaisten hatten sich in erster Linie dazu verpflichtet, die Kunst zu reformieren, was ihnen – langfristig betrachtet – gelungen ist. Es wollte schockiert, provoziert und umgedacht werden. Doch schockiert ein in einem Museum ausgestelltes Pissoir heute leider niemanden mehr – im Gegenteil. Marcel Duchamp und seine Kollegen ebneten den Weg für unser modernes Kunstverständnis. Sie brachten die künstlerische Etikette innerhalb weniger Jahre zum Einsturz und öffneten die breiten Tore der unendlichen Kreativität. Ohne den Dadaismus würde unsere ästhetische Moral 2018 vollkommen differenziert funktionieren. 1917 war Schock die Ausnahme in der Kunst, Werbung, den Medien. Die Dadaisten machten dies zur Regel. So wurde im Laufe der letzten hundert Jahre so ziemlich jedes (künstlerische) Tabu gebrochen, das es noch zu brechen gab. Und jetzt, viele Jahre später, funktioniert der Dadaismus vielleicht einfach nicht mehr. Weil die gesellschaftliche Ausgangslage eine andere ist. Oder funktioniert er doch, nur nicht so, wie wir es erwarten? Vielleicht genau umgekehrt? Während der Rest der Welt damit beschäftigt ist, seine Individualität zu definieren, Grenzen zu sprengen und krampfhaft versucht, möglichst anders zu sein, sind die modernen Dadaisten unter uns vielleicht genau das: anders. Während Menschen wie Donald Trump die Welt kaputtmachen, strebt der moderne Dadaist danach, im Einklang mit ihr zu leben. Diana Weis, freie Autorin und Dozentin für Modetheorie und Körperkultur schreibt dazu:

“Rebellion ist heute zu einer Ware geworden – das macht es für junge Menschen schwer, überhaupt noch etwas zu finden, mit dem sie ihre Umwelt schocken können. Um demonstrative Angepasstheit als Form der Auflehnung zu interpretieren, fehlt einfach der Aspekt, mit dem eigenen Verhalten gesellschaftliche oder politische Strukturen verändern oder bewegen zu wollen.“

Während die kulturell-dadaistische Rebellion besonders durch den Zusammenhalt der einzelnen Künstler, Kritiker und Anhänger funktionierte, kämpft heute nicht nur jeder für sich, sondern ganz bewusst für die (ästhetische) Abgrenzung von seinen Mitmenschen. Die beiden Mädchen von SXTN, Donald Trump, und ja, sogar der Kunststudent mit Hornbrille, haben ihren eigenen Weg der Rebellion gefunden. Der Gegensatz, den die Rapperinnen verkörpern, die Absurdität, die Trump symbolisiert, die Kontroversen unserer Weltreligionen – das alles reicht nicht als einzelnes, um tatsächlich dadaistisch zu sein. Es braucht eine Emulsion aus alldem, es braucht, naja – eben alles und nichts. Und während ich im Morgengrauen am letzten Tag des Festivals über den Gelände schreite und meine Gedanken und Blicke ausgelassen schweifen lasse, wird mir endgültig klar:

Im Jahr 2018 sind wir alle Dadaisten.

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