„Vergiss nie, wo du herkommst“

„Wenn sich jetzt nicht etwas ändert, höre ich auf.“ Es war der allesentscheidende Sommer 2015. Ein Sommer, in dem der 17-jährige Dogukan Nesanir, der von allen Dogi genannt wird, mit praktisch keinem Geld, keiner Aussicht auf einen Job und großen Selbstzweifeln auskommen musste. Sein Traum, als Stylist zu arbeiten, stand kurz vor dem Aus. Seit zwei Jahren klopfte der Teenager schon an Türen, fragte Fotografen, Models, Magazine an, die zu diesem Zeitpunkt nur ein Neuköllner Kid in ihm sahen, das man nicht ernst nehmen konnte. Doch das Leben ist voller Überraschungen: Kurz, bevor er das Handtuch werfen wollte, bekam er die Chance, eine Birkenstock-Kampagne zu stylen.

Es war sein erster großer Job und gleichzeitig sein Durchbruch. Heute ist Dogi derjenige, der die Absagen verteilt und sich aussucht, mit wem er arbeitet. Die Leute, die ihn einst per Mail beleidigten und ihm keine Chancen gaben, füllen heute sein Postfach mit Anfragen. Wie hat er es geschafft, dahin zu kommen, wo er heute steht? „Das frage ich mich auch“, sagt Dogi. In einem grünen Longsleeve und langer schwarzer Hose sitzt er in seinem Neuköllner Büro an einem Schreibtisch, auf dem das Chaos herrscht. Es liegt nur wenige Gehminuten von seinem Elternhaus entfernt. Eben war er noch am Telefon mit einem Kunden, morgen geht es nach Florenz zur Pitti Uomo, eine der wichtigsten internationalen Messen für Männermode.

Sein Kalender ist voll, seine Zeit knapp und ein Interviewtermin mit ihm zu vereinbaren ist eine große Herausforderung. Doch wenn der 22-Jährige vor einem sitzt, wirkt es so, als habe er alle Zeit der Welt. Man erkennt den Stolz in seinen Augen, wenn er ausgelassen von seinen bisherigen Höhen und Tiefen erzählt. „Ich bin ein Schulabbrecher. Nach der zehnten Klasse bin ich von der Schule geflogen, habe also nur einen Hauptschulabschluss“, sagt Dogi. „Ich wusste damals aber, dass ich extrem intelligent bin und konnte das nicht auf mir sitzen lassen.“ Mit einer Freundin startete er eine Facebookseite, auf der sie Porträts ihrer Freunde veröffentlichten.

Dogi wollte sich selbst beweisen, dass er mehr war, als ein Problemkind ohne weitergehenden Schulabschluss. Innerhalb weniger Monate hatten die beiden Jugendlichen über 20.000 Follower und nahmen mittlerweile Geld für ihre Fotos. Immer mehr Facebook-Freunde wollten sich von den beiden inszenieren lassen.  „Wir konnten uns damit über Wasser halten, obwohl es amateurhafte Fotografie war.

Es ist absurd, wenn ich daran zurückdenke“, sagt Dogi. Während der Shoots begann er, die Leute mit Kleidungsstücken auszustatten und entdeckte seine Liebe für das Styling. Wie er damit Geld verdienen sollte, war für seine Mutter schwer zu verstehen. Sie selbst hatte Jura studiert, das haben ihr ihre Eltern ermöglicht, die in den 1960er Jahren nach Deutschland immigrierten. Und nun wollte ihr Sohn, der Troublemaker, ausgerechnet einen Beruf ausüben, von dem sie noch nie etwas gehört hatte. Man kann sich vorstellen, wie er sie mit seiner mitreißenden Art und vielen, vielen Worten vom Gegenteil überzeugte: „Meine Mutter war immer streng, wenn es um die Schule ging.

Anfänglich gab es viele Battle zuhause, weil sie der Meinung war, dass es ein unsicherer Job ist. Wir stritten uns darüber, wie ich Geld verdienen sollte. Sie ist keine Türkin mit Kopftuch und hat auch studiert, aber mit Mode hat sie nichts am Hut. Als aber die ersten Jobs reinkamen, fand sie ihren Glauben an mich und ich habe seitdem sehr viel Unterstützung von ihr bekommen.“…

 

 

Die Fortsetzung des Artikels findest du in der aktuellen Printausgabe.

 

Text: Nadja von Bossel

Bild: Clara Nebeling/ Mood: Nadja von Bossel

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