Smalltown Boy – Bigtown Designer

von Caspar Krisch

Mit seinen avantgardistischen, dennoch an eine britische Tradition anknüpfenden Entwürfen rüttelt der junge Brite Matty Bovan aktuell die Branche auf. Seine Mode ist vom Zufall geprägt und bricht mit beständigen Regeln. Dabei scheint Bovans Claim ganz einfach: Keep calm and do what you want…

„Wir haben nicht genug Schuhe!“, schreit eine Frau durch den Raum und blickt suchend in die Menge. Panik bricht aus: Ankleider durchwühlen hektisch Koffer und Taschen, während Assistenten zu ihren Handys hetzen,. Hinter einer Kleiderstange am Ende des Raumes kommt ein junger Mann mit blauer Sacktasche hervor. Zum weißen T-Shirt trägt er einen Patchwork-Rock und zerlatschte Sneaker, die langen gelben Haare hat er in zwei Fischgrätenzöpfe gebunden, seine Augenlider schimmern bläulich im grellen Neonlicht. Wie ein Fabelwesen huscht er durch die Menge zu einem kleinen Tisch und entleert die Tasche. Neun Paar weiße Converse-Chucks purzeln auf die Holzplatte. Schnell greift er zu einem schwarzen Filzstift und beginnt, einen Schuh mit Wellenlinien, Blumen und Schlangen zu bemalen. Bei einem anderen Paar reißt er kurzerhand die Lasche aus den Schuhen und bekritzelt die Sohle mit roter Farbe. In 15 Minuten beginnt die Show.

Erst zum zweiten Mal zeigt der Newcomer Matty Bovan auf der Londoner Modewoche seine Kollektion – doch Anspannung oder Nervosität ist bei ihm nicht zu spüren. Schon als kleiner Junge in einer verschlafenen Ortschaft bei York wusste er, dass er nicht anders kann als Künstler zu werden. Den Großteil seiner Kindheit verbrachte Bovan damit, mit seiner Mutter Kleidung auseinanderzuscheiden, zu färben und wieder neu zusammenzunähen – ein Prinzip dem sich auch die Dadaisten angenommen haben und das seine Kollektionen bis heute beeinflusst und prägt: Er lässt sich vom Zufall leiten, nimmt Bestehendes auseinander und fügt es neu zusammen.

 

 

SHOWTIME!

Bovan blickt auf, in fünf Minuten wird das erste Model auf den Laufsteg gehen. Vor ihm liegt ein Haufen bunter Sneaker. Eine Assistentin hetzt mit ihnen zu den wartenden Models. Die letzten Griffe werden gemacht, das Make-up aufgefrischt. Die Musik ertönt. Die Show beginnt! Bovan zeigt bunte asymmetrische Strickkleider und Lycra-Shorts, die zu T-Shirts mit Motocross-Prints kombiniert werden. Grüner Mesh blitzt unter glitzernden Heckel-Tops hervor, die wie Spinnweben die Oberkörper der Models verhüllen. „Meine Mode sollte schon Funktion haben, aber vor allem soll sie toll aussehen“, sagt Matty Bovan über seine Kollektion, die später von der internationalen Presse noch hoch gefeiert werden wird. Auch das Line-up an Topmodels sorgt für Gesprächsstoff: Hailey Baldwin, Edie und Jean Campbell, Winnie Harlow, Georgia May Jagger, Grace Bol und Charlotte Free laufen den Laufsteg hinunter und zollen dem jungen Designer so ihren Respekt.

Nur einen kurzen Blick erhascht das Publikum von Matty Bovan nach seiner Show, bevor er im Backstagebereich seiner Mutter in die Arme fällt. Die vielen Fotografen und Pressevertreter ignoriert er. Nur drei Jahre nach seinem Abschluss am Central Saint Martins Collage in London wird Matty Bovan schon mehr gelobt und gefeiert als manch anderer (und älterer) Designer. Er hat ein Schlupfloch gefunden, denn es gibt nur wenige, die der Strick- und Häkel-Kunst mit einer solch avantgardistischen Auffassung begegnen und sie so modern auf den Laufsteg bringen: „Irgendwie muss das schon gut sein, was ich tue. Aber ich hatte auch großes Glück, Leute wie Katie {Grand} oder Marc {Jacobs} kennengelernt zu haben, die mich vom ersten Tag an die Hand genommen haben“, sagt Boven über seinen raschen Erfolg.

„Mode sollte nicht für Geld gemacht werden, meine Mode ist schließlich Ausdruck meiner selbst“

2015 wurde er vom Luxuskonzern LVMH mit dem „Best Graduate Price“ ausgezeichnet. Danach arbeitete Bovan für Modehäuser wie Louis Vuitton, Marc Jacobs oder Miu Miu. Vergangenes Jahr folgten Exklusivverträge mit Londons Luxuskaufhaus Selfridges und dem Online-Riesen Matches Fashion, ein finanzieller Durchbruch für das junge Label. Doch mit wirtschaftlichem Wachstum gehen oft kreative Einschränkung und Anpassung einher.

Anpassung an ein System, das er eigentlich verabscheut. „Mode sollte nicht für Geld gemacht werden, meine Mode ist schließlich Ausdruck meiner selbst“, sagt er und befürchtet, in Zukunft in eine Arbeitsweise gedrängt zu werden, die sich auf Schnelllebigkeit, Popularität und vor allem Verkauf stützt: Designer wechseln Modehäuser im Jahrestakt, sind austauschbar und abhängig geworden von ihren Geldgebern. Nur wenige schaffen den Sprung in den Kommerz, ohne ihre eigene DNA zu verlieren oder sich an Trends anpassen zu müssen, was Bovan durchaus bewusst ist. Anfang des Jahres verließ er den Förderverein Fashion East, der Nachwuchsdesigner mit Geldern von Unternehmen wie Topshop, M.A.C und der Greater London Authority finanziell unterstützt. Ein Schritt, der nötig war, um seine Marke globaler und größer werden zu lassen. Doch er weiß auch, dass er mit seiner Arbeitsweise, die Spontanität und Zufall über maschinelle Perfektion und Massentauglichkeit stellt, neue Wege finden muss, um auf dem Markt mithalten zu können. Denn immer noch produziert er mit einem kleinen Team seine Laufstegkollektionen in der Garage seiner Mutter – und das soll auch so bleiben: „In York bin ich weit weg vom Londoner Trubel und dem Druck, der dort herrscht. Ich liebe London, aber die Stadt gibt mir nicht die Freiheit, die ich auf dem Land habe.“

„Nach der Schule habe ich oft meine Oma besucht, sie hat mir das Stricken beigebracht und meine Liebe zur Mode entfacht. Sie war immer toll gekleidet, eine echte Dame!“

Doch wie wird es weitergehen für den jungen Modemacher, der nun auf sich alleine gestellt ist? Ein halbes Jahr, nachdem wir Matty Bovan zum ersten Mal in London treffen, zeigt er erstmals ohne große Geldgeber und als unabhängiger Designer seine Kollektion für den kommenden Winter – und die muss sich verkaufen und ein breites Publikum ansprechen. Während seine Looks für einige sicherlich immer noch chaotisch und laut wirken, sind sie doch sehr viel erwachsener und reduzierter als seine früheren Arbeiten – weniger alternativer Nachtclub-Chic, dafür mehr Eleganz und britische Tradition.  Er präsentiert ausgefranste Tweetjacken und verschnittene Jodhpurhosen, die auf bunt bedruckte Kleider und geschichtete Oberteile treffen, aus gebleichtem Denim kreiert er ausladende Abendroben. Wie auch seine Landsleute Vivienne Westwood oder Alexander McQueen spielt Matty mit Dekontextualisierung und bricht, ganz britisch, entschlossen mit veralteten Regeln.

FALL WINTER 2018/2019:

Die Kollektion ist eine Hommage an das Yorkshire Landleben und an seine im letzten Sommer verstorbene Großmutter, die einen großen Einfluss auf sein Leben hatte: „Nach der Schule habe ich oft meine Oma besucht, sie hat mir das Stricken beigebracht und meine Liebe zur Mode entfacht. Sie war immer toll gekleidet, eine echte Dame!“, sagt Bovan.

Doch seine Zielgruppe sind nicht Damen, sondern die jungen cool Kids aus East-London – ein hart umkämpftes Klientel. Zwischen Labels wie Off-White, Loverboy, A.P.C. und Matty Bovan liegen stilistisch zwar Welten, trotzdem führen sie alle einen harten Kampf um die kaufkräftigen und trendaffinen Millennials und Zs. Mit fast 35.000 Instagram-Followern und aktuellen Features in Magazinen wie Dazed & Confused, i:D, Elle oder der britischen Vogue schafft es Bovan, nicht nur seine Marke, sondern auch sich selbst einem breiten Publikum vorzustellen. Ob sein gleichnamiges Label das Zeug zu einem etablierten Modehaus hat, bleibt abzuwarten. Viele Designer scheitern in den ersten Jahren ihres Schaffens – der Druck der Branche ist hoch. Immerhin hat Bovan ein Erfolgsrezept, das funktionieren könnte: „Fuck that, be you!“

Fotos: Caspar Krisch, Mattew P., PR

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