Selbst ist das ICH

Wir haben heute mehr Freiheiten denn je, unseren Selbstwert mitzubestimmen. Doch sind wir uns dadurch auch mehr wert als früher? Oder sind wir gerade dabei, das Prinzip des Glücklichseins zu verlernen?

Friedrich Schiller schrieb einmal: „Ein jeder gibt den Wert sich selbst. Was ist mit diesem Satz eigentlich gemeint? Was versteht man unter Selbstwert? In Artikel 1 des Grundgesetzbuchs steht dazu: „Der Wert eines Menschen ist keine quantitativ messbare Größe“. Gibt man den Begriff bei Google ein, erscheint eine endlose Liste an Ratgeberseiten mit ominös klingenden Namen wie Psychotipps, Motivationswerkstatt und Zeitzuleben. Auf allen findet man sogenannte Selbsttests, anhand derer man seinen Selbstwert ermitteln kann. Aber auch die Wissenschaft bedient sich ähnlicher Methoden. Bereits 1965 wurde von dem US-Soziologen Morris Rosenberg die „Rosenberg Self-Esteem Skala“ vorgestellt. Diese international angewandte Skala, die mit der Hilfe von zehn Stufen ökonomisch die globale Selbstwertschätzung ermittelt, basiert auf der Annahme, dass Selbswert hierarchisch strukturiert ist, also mehrere Facetten beinhaltet, die unterschiedlich relevant sind. Der Eigenwert in Bezug auf Leistung wird nach dieser Skala beispielsweise höher eingeschätzt, als der, der sich durch soziale Kompetenz ergibt. Der Begriff Selbstwert ist heute auch in sozialen Medien ein großes Thema. Das Hashtag #selflove wurde bei Instagram bereits in 30 Millionen Beiträgen verwendet. Diese zeigen meist strahlende Frauengesichter, gefolgt von Sprüchen wie „Reich ist, wer etwas besitzt, was nicht in Geld messbar ist“ und Fotos von gesundem Essen. Die Botschaft lässt sich also recht simpel zusammenfassen: Sei du selbst, sei stark und gesund und tue Dinge, die dich glücklich machen.  Aber ist es nicht widersprüchlich, dass einem diese Ratschläge ausgerechnet in den sozialen Medien gegeben werden? Mehrere Untersuchungen, wie die britische Studie „#StatusOfMind“ belegen, dass sich der übermäßige Konsum von Social Media schnell zur Gefahr für den Selbstwert eines Menschen entwickeln kann. Die Freude über den Zuspruch für ein geteiltes Bild kann rasch kippen: Die unzähligen Bilder anderer Nutzer, die noch glücklicher, schöner, mutiger und lustiger sind, lösen oft Neid und Minderwertigkeitsgefühle aus. Es ist einfach, sich und das eigene Leben beim Anblick makelloser Bikinifiguren, exotischer Reiseziele und Luxuslofts als unzureichend zu empfinden. Das wissen die meisten, die Soziale Medien regelmäßig nutzen. Doch es gibt auch Gegenbeispiele. Der Trend zur Perfektion scheint abzunehmen. Sowohl berühmte Influencer mit mehreren Millionen Followern, als auch private Nutzer teilen vermehrt ihre Schwächen mit der Öffentlichkeit. Models wie Cara Delevigne und Adwoa Aboah gaben bekannt, dass der Druck der ständigen Bewertung vor allem in Sozialen Netzwerken mitunter ein Auslöser ihrer Depressionen war.  Nun stellt sich zunächst die Frage, wieso man dann nicht einfach offline geht? Sogenanntes „Digital Detox“ wird aus den unterschiedlichsten Richtungen propagiert. Doch für die meisten Mitglieder unserer Gesellschaft unter 50 ist es aus privaten und beruflichen Gründen keine Option, sich ganz aus den sozialen Medien zurückzuziehen und damit auch auf deren Vorteile zu verzichten. Die deutsche Journalistin Ronja von Rönne verkündete Anfang des Jahres via Instagram, dass sie sich aufgrund von Depressionen in eine Klinik einweisen lasse. Auf den Beitrag der jungen Autorin reagierten mehr als 400 Menschen mit großem Zuspruch und Respekt für ihre Entscheidung. Viele ließen erkennen, selbst betroffen zu sein und ihre Ehrlichkeit als Ermutigung aufzufassen. Sie erklärte in ihrem Beitrag, dass sie lange mit sich gehadert habe, ob sie ihre Krankheit mitteilen wolle. Sie habe sich dafür entschieden, weil sie damit ihre verletzliche, schwache Seite zeige wollte. Die Kommentare und Reaktionen darauf hätten sie in ihrem Entschluss bestärkt. Das Handy, so erklärt von Rönne, habe sie trotzdem während ihres Krankenhausaufenthalts beiseite gelegt. Und Ronja von Rönne ist nur eine von vielen, die das Prinzip der Selbstdarstellung in Sozialen Medien in Frage stellt, und durch den offenen Umgang mit den eigenen Ängsten und Selbstzweifeln zu einer Entstigmatisierung psychischer Krankheiten beiträgt und gleichzeitig mehr Mut zur Realität fordert.  Eine wichtige Quelle unseres Selbstwerts ist unser Aussehen: Schönheit ist in Sozialen Netzwerken ein großes Thema. Doch auch die Bewertungskriterien von Körperbildern werden momentan facettenreicher. 90-60-90 und Muskelpakete weichen einem neuen, alternativen Konzept: Der Diversität. Dank Sozialer Netzwerke hat jeder die Möglichkeit, sich und seinen Kleidungsstil rund um die Uhr in Szene zu setzen. Es gibt nach wie vor diejenigen, die versuchen, durch Sport, bewusste Ernährung und Einsatz technischer Hilfsmittel das Bild eines normativ-fehlerfreien Äußeren aufrecht zu erhalten. Doch setzt sich daneben vor allem in der Generation Z der Hang zum Imperfekten, Persönlichen durch, wie zahllose Fotos mit Zahnspangen, Aknenarben, sehr mageren oder fettleibigen Körpern beweisen. Auch der Kleidungsstil kann gar nicht individuell genug sein: bunte, schlecht sitzende Teile aus dem Vintageladen erfahren den gleichen Zuspruch wie maßgeschnittene Designer-Komplettlooks. Je nachdem, wem man folgt, findet heutzutage jeder das passende Körperideal auf Instagram. Wenn wir also dank Instagram sowohl die Möglichkeit haben, im sozialen Vergleich zufriedenstellend abzuschneiden, sowie positive Rückmeldungen zu erhalten, wieso ist es dann so schwer, den Onlinedienst als Quelle für unser Selbstwertgefühl zu nutzen?  …Die Fortsetzung des Artikels findest Du in der aktuellen Printausgabe.

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