„Papi, hättest du Angst vor mir?“

Über Haldensleben sagt Claudi, dass sie nie wieder dort leben wird. Wenn sie an die Kleinstadt in Sachsen-Anhalt denkt, fallen ihr Altstadtfeste, Bierexzesse und Menschen ein, deren Ansichten mit ihrer Häuserfassade verwittern. Für ihren Vater Peter ist Olln, wie die Einwohner ihren Ort nennen, seine Heimat. Während Peter, 60, in Poloshirt, Bluejeans und weißen Sneakern in jeder Menschenmenge untertauchen könnte, wirkt seine Tochter Claudi, 25, wie ein Pfau im Taubennest: pinkfarbene Augenbrauen, violetter Lippenstift, Diamant-Choker. Schon als Kind trug sie Make-up. Mit 18 ließ sie sich ihr erstes Tattoo stechen, mittlerweile sind es über 30. In Haldensleben käme es schon vor, sagt Claudi, dass Menschen die Straßenseite wechseln, wenn sie vorbeiläuft. Einmal fragten Bekannte ihre Großeltern, ob sie verrückt sei, weil sie blauen Lippenstift trug. Seit sie mit 20 auszog, lebte sie in Berlin, New York und Tokio. Aber immer, wenn sie auf der grünen Samtcouch ihrer Eltern sitzt, fühlt es sich so an, als wäre sie nie fortgegangen.

Ein Gespräch zwischen Vater und Tochter

C Papi, ich weiß, dass du gerne malst. Die Frauen auf deinen Bildern verkörpern meistens eine ideale Frauenfigur: Sie sind sehr schlank und haben langes Haar. Ist es das, was du persönlich schön findest? Denn ich entspreche dem gar nicht.

P Das ist eine Wunschvorstellung, die sollte man nicht auf reale Menschen projizieren. Jeder ist doch anders. Und das mit den Idealbildern ist Nonsens. Es klingt vielleicht klischeehaft, aber die inneren Werte sind wichtiger. Das Äußerliche entwickelt sich dann mit dem Inneren. Aber du hast dir ja dein eigenes Idealbild erschaffen.

C Allerdings. Und das entspricht nicht dem Ideal der Gesellschaft.

P Ja, das stimmt. In deinem äußeren Erscheinungsbild gibt es eine ganze Menge Abweichungen, bei denen ich zu Anfang nicht mitgegangen bin. Diesbezüglich hatten wir viele Kontroversen. Wir haben sogar eine Weile nicht mehr miteinander gesprochen. Aber die Zeit hat mir gezeigt, dass du trotzdem deinen Weg gehst. Das haben deine Mutter und ich lernen müssen. Dennoch gibt es eine Sache, die ich immer noch nicht großartig finde: Diese vielen Tattoos sind ungesund und könnten dir deine Zukunft verbauen.

C Ich habe da einfach ein bestimmtes Bild von mir, wahrscheinlich in einer ganz anderen Ästhetik als du. Tätowierungen haben für dich eine andere, veraltete Bedeutung. Und wegen meiner beruflichen Zukunft musste ich euch lange erklären, dass Tattoos heutzutage nicht mehr so ein Problem sind. Ich bleibe mir treu. Ich habe angefangen, mir das zu geben, was ich brauche. Viel zu lange habe ich die anderen in den Vordergrund gestellt, darauf geachtet, dass niemand einen Grund findet, schlecht über mich zu reden. Natürlich ist es mir wichtig, wie es euch damit geht, aber letzten Endes seid ihr doch auch nicht glücklich, wenn ich es nicht bin. Und ja, ich weiß, dass ihr denkt, dass die Tätowierungen meiner Gesundheit schaden könnten.

P Weißt du, Claudi, manchmal ist weniger mehr.

C Das kann ich nachvollziehen. Allerdings war ich schon immer ein Extremfall. Ich war nie minimalistisch. Ich muss viel haben, um auch viel zu geben. Wie Iris Apfel, die sagte mal: „More is more!“ Warum müssen sich Menschen immer so einschränken? Ich finde, Lebensqualität ist wichtiger als Lebenslänge. Es fällt mir schwer mit anzusehen, wie ihr euch sorgt. Das ist ein großer Konflikt für mich, weil ich euch einerseits nicht enttäuschen will und euch andererseits davon überzeugen muss, dass ihr euch keine Sorgen machen müsst.

P Es wäre auch unnormal, wenn wir uns nicht sorgen würden. Du bist ja unser Kind. Und du hast auch schon sehr früh angefangen, dich zu schminken, viel früher als deine Freundinnen.

C Stimmt, damit habe ich schon mit zehn Jahren angefangen. Heute liebe ich es, eine Leinwand zu sehen, wenn ich morgens in den Spiegel schaue. Und ich entscheide jeden Tag, was darauf entsteht. Ich habe schon früh Vieles probiert. Für mich hat es nie eine Rolle gespielt, was die Anderen denken. Das ist faszinierend, dass Menschen Andersartigkeit als falsch oder fehlgeleitet empfinden. Für mich ist Stillstand der Tod. Dank euch bin ich auch sehr weltoffen aufgewachsen. Schon in jungen Jahren habt ihr mich überall mitgenommen. Ihr hattet immer die Geduld, mir alles zu erklären. Papi, hattest du mal das Gefühl, dass ich euch unangenehm bin?

P Klar habe ich den einen oder anderen Blick mitbekommen. Allerdings sollen die Leute denken, was sie wollen. Letztendlich ist dein Charakter das Wichtigste. Du bist nie unhöflich zu den Leuten. Da gibt es dieses Lied von den Ärzten: „Lass die Leute reden und hör ihnen nicht zu / Die meisten Leute haben ja nichts Besseres zu tun.“

C In New York habe ich es ganz anders erlebt. Da kamen die Leute direkt zu mir und haben mir ihre ehrliche Meinung gesagt. Hier ist es eher so, dass alle starren. Im Augenblick bin ich aber ein richtiger Rentnerliebling. Ich werde oft von Omis angesprochen: „Das ist ja großartig, was Sie da machen. Damals hätte ich mich das nicht getraut.“ Ich freue mich darüber. Aber Papi, sagen wir mal, wir würden uns nicht kennen. Was würdest du über mich denken?

P Also, wenn ich dich jetzt so sehen würde, ohne dich zu kennen, dann würde ich denken: Donnerwetter, das ist doch ein bisschen viel.

C Hättest du Angst vor mir?

P Nein, gar nicht! Ich habe jetzt auch dank dir eine ganz andere Einstellung zu tätowierten Menschen. Ich weiß, dass diese Entwicklung nicht aufzuhalten ist. Sie gehört zwar nicht zu unserer Kultur, aber bringt eine Geschichte mit. Die Maori und die Japaner zum Beispiel, die haben eine Tattookultur.

C Bei uns ist das anders, weil die heutigen Tattoos eine reine Modeerscheinung sind. Wenn man das ganze Thema runterbricht, dann ist es auch nur Körper- schmuck. Ich könnte auch mit tausend Ketten um den Hals rumlaufen. Das würde mir allerdings nicht das Gleiche geben.

P Das kann schon sein, aber in der DDR kamen die meisten Tätowierten aus dem Knast. Damals hat man sich auch nicht weiter mit diesen Leuten beschäftigt. Hätte man das gemacht, dann würde es heute vielleicht nicht so viele Vorurteile geben. Ich bin ganz froh, dass sich die Gesellschaft in vielen Dingen geändert hat. Und du hast eh schon als Kind gemacht, was dir gefällt.

C Ist ja heute noch so. Wahrscheinlich hatte ich damals schon Angst, etwas zu verpassen! Weißt du noch, dass ich gern Bier getrunken habe? [lacht]

P Das stimmt! Du warst eine alte Säuferin. Aber das bist du heute ja nicht mehr. Dazu gibt es auch eine schöne Geschichte: Wir waren mit Freunden in Schweden. Du warst natürlich auch dabei und hattest ein Stöckchen, mit dem du gerne gesprochen hast. Wie immer hast du dich selbst beschäftigt. Wir saßen auf dem Campingplatz und haben uns ein dunkles Bier gegönnt. Plötzlich kamst du mit dem Fahrrad angefahren, hast dir mein Bier gegriffen und es runtergeschlürft. Was meinst du, was für große Augen die Leute gemacht haben! Dann hast du das leere Glas abgestellt und bist wieder auf dein Rad gestiegen, als wäre nichts gewesen. Ich sagte zu den Anderen: „Sie braucht das immer zum Fahrradfahren.“

C Stimmt! Mein Stöckchen und ich. Schon als Kind habe ich lieber damit gespielt als mit meinen Barbies. Das hat sich bei mir so durchgezogen, dass ich zu den kleinen, scheinbar unwichtigen Dingen einen ganz eigenen Bezug entwickelt habe, eine Zuflucht in meine Welt. Heute ist es nicht das Stöckchen, sondern die Musik oder ein Buch. Für mich ist es die Flucht aus der Realität, eine Art Heilungsprozess – deshalb geht es mir auch so gut. Diese Fantasie habe ich von dir geerbt. Sonst habt ihr mir nicht viel Kreatives mitgegeben.

P Das würde ich so nicht sagen. Du kannst doch super schreiben. Ich finde es auch großartig, dass du weißt, was du machen willst. Viele Menschen laufen ohne einen Plan durchs Leben. Als du dein Skandinavistik-Studium geschmissen hast, weil es dir nicht gefallen hat – das fand ich stark. Du hast ein Faible für Mode, also waren deine Mutter und ich schon sehr froh, dass du dann dein jetziges Studium angefangen hast. Ich weiß, du wirst etwas Geniales daraus machen.

C Was mir noch ganz doll im Kopf geblieben ist: Letztes Jahr saß ich mit euch beiden im Wohnzimmer und ihr habt mich gefragt, warum ich so geworden bin wie ich bin? Weil ihr nicht verstehen oder euch nicht erklären konntet, woher manche meiner Werte kommen. Und es ist großartig, dass ihr es nicht einfach darauf reduziert, dass ich „komisch“ bin. Ich habe das echte Interesse gespürt und diesen Moment werde ich nie vergessen. Danke dafür! Was ich aber wissen möchte: Wie würde ich aussehen, wenn du es entscheiden könntest?
P Du wärst immer noch fünf, mit langen

Haaren und deinem Stöckchen in der Hand. Diese Zeit war einfach schön! Nee Quatsch, also ich kann dazu nichts sagen. Weil es eine Entwicklung ist, die dich beeinflusst. Und du bist einfach perfekt, genau so, wie du bist.

 

 

 

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