„Mein Problem ist, dass ich alles kann!“

Mitte der 1990er-Jahre gründete Rafael Horzon die Galerie Berlintokyo, nagelte Chipstüten an die Wand und proklamierte sie als japanische Kunst. Danach eröffnete er eine Wissenschaftsakademie und gab Seminare zu Themen wie „Der Schabrackentapir“ oder „Der Hippie als Antichrist“. Es folgten zahlreiche weitere Unternehmen, alle ansässig in der Berliner Torstraße. Darunter: eine Trennungsagentur, die noch nie jemanden getrennt hat, ein Fachhandel für Apfelkuchen, in dem kein Apfelkuchen, sondern ein einziges Stuhlmodell verkauft wird, und das Fachgeschäft Moebel Horzon, mit dem er Ikea verdrängen und die Weltherrschaft über den Möbelmarkt übernehmen will. Horzon spricht von Welterfolgen, Bestsellern und genialen Geschäftsideen – und nie ist ganz klar, was Realität und was Fantasie ist

Herr Horzon, Sie haben dieses Jahr noch keine neue Geschäftsidee lanciert. Legen Sie eine Pause ein?

Ich mache keine Pausen. Ich plane schon lange das Deutsche Zentrum für Dokumentarfotografie. Das eröffne ich in Kürze.

Was dürfen wir erwarten?

Sternenfotografie! Die Europäische Gemeinschaft hat in den 1980er-Jahren in den Anden ein riesiges Teleskop gebaut, weil man dort besonders gut den Sternenhimmel der südlichen Himmelshalbkugel fotografieren konnte. Auf 1.200 kleinen Glasnegativen haben sie den gesamten Himmel abfotografiert und mir, zusammen mit den Negativen der nördlichen Halbkugel, überlassen. Das heißt, das gesamte Universum befindet sich seit zwei Wochen in der Torstraße 94. Top secret! DAS GRÖSSTE PROJEKT ALLER ZEITEN.

Was haben Sie mit dem Universum vor?

Der deutsche Künstler Thomas Ruff hat in den 1990er-Jahren mit dem Material aus derselben Quelle großflächige Sternenbilder hergestellt und sie zu Kunst gemacht. Das ist natürlich eine traurige Verdrehung, aus wissenschaftlichen Fotografien Kunst zu machen, deswegen möchte ich sie als das zeigen, was sie sind: wissenschaftliche Fotografien.

Sie sind Unternehmer, Designer, Sachbuchautor, Musiker. Wie viele Unternehmen haben Sie bisher eigentlich gegründet?

Ich habe leider den Überblick verloren, aber zehn bis 20 sind es bestimmt.

Und was können Sie am besten?

Mein Problem ist, dass ich alles kann, aber nicht gleichzeitig. Ich wechsle tageweise: Einen Tag bin ich Unternehmer, einen Tag bin ich Designer, einen Tag Sachbuchautor und heute bin ich Angestellter einer Steuerkanzlei, weil ich meine Steuererklärung machen muss.

Woher kommt der Drang, ständig neue Unternehmen zu gründen?

Ich führe ein sehr kostenintensives Leben und habe festgestellt, dass ich ständig neues Geld brauche. Und wie geht das am einfachsten? Indem man neue Unternehmen gründet!

Die ersten Wanddekorationsobjekte waren schwarze und weiße Quadrate, die zweiten bunte Streifenbilder aus Plexiglas. Wie geht es weiter?

Für die dritte Serie WDO 3D verwende ich die Sternbilder des Deutschen Zentrums für Dokumentarfotografie. Es werden dreidimensionale Objekte und wir verwenden außerdem ein neues Material: Schaumstoff. Ich verrate kurz, um was es geht. WELTEXKLUSIV! Schalldämmungsplatten aus Schaumstoff, die an die Wand gehängt werden. Allerdings in einem Plexiglaskasten, damit sie nicht verstauben, denn es geht nicht um Schallisolierung, sondern um Wanddekoration. 

Für die ersten Wanddekorationsobjekte lag der Verkaufspreis pro Stück bei 600.000 Euro. Wie viel werden Ihre neuen Wandobjekte kosten?

Ich habe drei Größen. Der Preis für die kleinsten Objekte wird bei 1.500 Euro liegen, der für die größten bis zu 8.000 Euro. Ich habe mit meinen letzten Objekten natürlich auch Erfahrung gesammelt. Alle Wanddekorationsobjekten, die wir für 600.000 Euro verkaufen wollten, sind noch da.

Was machen Sie damit?

Die vererbe ich meinen Kindern. Die Objekte sind ja 30 Millionen wert. Damit haben meine Kinder ausgesorgt und müssen nie arbeiten.

Wollten Sie damit nicht Ihr Mausoleum schmücken?

Dann produziere ich dafür einfach noch mehr. So 100 Stück, das muss innen natürlich schön funkeln. Von außen ist es ein schlichter weißer Klotz aus Travertin mit einer Kantenlänge von einem Kilometer, direkt neben dem Horzon Tower am Schlossplatz.

In Ihrem Buch Das weisse Buch sagen Sie, dass Sie der Kunst den Rücken gekehrt haben, weil Sie merkten, dass man alles zu Kunst erklären kann. So, wie es Duchamp mit seinem Pissoir tat.

Nachdem Dada vor über 100 Jahren bewiesen hat, dass alles, was man zu Kunst erklärt, auch Kunst ist, macht es keinen Sinn, heute immer noch das Gleiche zu machen. Aber genau das ist, was die meisten Künstler tun. Ich finde es besser, alles, was die Leute für Kunst halten, eben nicht als Kunst zu bezeichnen, so wie die Wanddekorationsobjekte.

Sind Sie Dada 2018?

AUF KEINEN FALL! Ich bin kein Künstler, ich bin Unternehmer! Es ist auch ein bisschen lästig, das den Leuten immer wieder klarzumachen.

Sie waren gerade in New York. Planen Sie, nach Amerika zu expandieren?

Ich habe mir schon Notizen gemacht, wo in New York Moebel-Horzon-Filialen eröffnen werden. Natürlich nur A-Lage, an der 5th Avenue neben Cartier zum Beispiel. Und dann wird im Central Park der Horzon Tower errichtet.

Den wollten Sie doch in Berlin bauen.

Na, ich baue ja Zwillingstürme. Einen im Central Park und einen auf dem Schlossplatz, wo gerade noch das Schloss gebaut wird. Aber das sprengen wir ja und dann kann da der Horzon Tower errichtet werden. Wir haben uns das Schloss auch angeschaut und überlegt, ob wir es übernehmen sollen, aber das macht wenig Sinn. Mit den ganzen Unternehmen, die wir haben, ist es einfacher, wenn jedes eine eigene Etage bekommt. Da sind Sprengung und Neubau deutlich günstiger.

Und wann soll es mit dem Horzon Tower in Berlin losgehen?

Baubeginn ist 2019 – zum 20. Jubiläum von Moebel Horzon. Dann sollte das Stadtschloss auch fertig sein und man kann es medienwirksam wieder sprengen, um den ersten Spatenstich direkt auf dem Trümmerhaufen zu setzen … [schaut auf die Straße] Oh Mist, da ist Peaches, der schulde ich noch ein Regal.

Bitte wer?

Peaches. Sie hat 2012 für mich die Platte „Me, My Shelf and I“ eingesungen und wollte dafür einen Kleiderschrank haben. Aber da sie ständig auf Tournee ist, haben wir das noch nicht geschafft. 

Die Platte haben Sie 2012 unter dem Pseudonym Ludwig Amadeus Horzon veröffentlicht. War sie ein Erfolg?

Na ja, von der hab ich noch einige in meinem Archiv. Als wir das Angebot vom Presswerk eingeholt haben, war es am günstigsten, direkt 100.000 Platten zu produzieren – das haben wir natürlich gemacht. 30 haben wir verkauft, der Rest ist im Archiv. Also eigentlich schon ein großer Erfolg, aber auch sehr komisch.

Was ist daran komisch?

Den Song habe ich mit Armin von Milch, einem ehemaligen Mitarbeiter von Moebel Horzon, komponiert. Dafür sind wir die 100 größten Single-Hits aller Zeiten durchgegangen und haben sie nach Gemeinsamkeiten analysiert, um daraus einen Hit zu machen, der auch auf Platz Eins der Charts landet. Aber das hat nicht funktioniert.

Vier Ihrer Entwürfe sind gerade für das Archiv des Vitra Design Museums in Weil am Rhein angekauft worden. Welche waren das?

Das Fertighaus Hausbau 01 und der Arbeitsplatz 01, bestehend aus Stuhl 01 und Tisch 01, beides von meinem Unternehmen Redesigndeutschland. Dann das Urregal Modern von Moebel Horzon und der Stabstuhl 24, den ich 2007 für mein Fachgeschäft für Apfelkuchenhandel aus 24 gleich langen Quer streben gebaut habe.

Einiges davon haben Sie nie verkauft.

Das stimmt. Den Stuhl 01 und Tisch 01 von Redesigndeutschland habe ich null Mal verkauft. NULL!

Aber jetzt stehen sie im Vitra Design Museum.

Ja, da steht praktisch mein Gesamtwerk. Das hat vor mir noch niemand geschafft.

Da fehlt nur noch Ihre jüngste Geschäftsidee Klik und Stek, Kinder- und Erwachsenenmöbel zum Zusammenstecken.

Klik und Stek wird nachgeliefert, sobald das Museum mal wieder ein paar Entwürfe von Eames aussortiert.

Das Dear Magazin bezeichnet Sie als den „wohl wichtigsten lebenden Designer der Welt“. Sehen Sie das auch so?

Noch nicht, aber es ist mein erklärtes Ziel.

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Rafael Horzon inmitten seines Gesamtwerks, von dem ein Großteil auch im Vitra Design Museum zu finden ist.

Rafael Horzon blickt auch weiterhin einer strahlenden Zukunft als erfolgreiche Berliner Unternehmen entgegen.

Besonders erfolgreich: Horzons Wanddekorationsobjekte. Im Bild: Ware im Wert von 1,2 Millionen Euro.

Rafael Horzon ist – nach eigenen Angaben – das erfolgreichste Männermodel der 1990er-Jahre.

Autor: Antonia Faltermaier

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