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Zu dick, zu dünn, zu schmale Lippen, zu große Nase… irgendetwas scheint immer verkehrt zu sein. Gerade Frauen und junge Mädchen neigen dazu, ihren Körper als einzige Problemzone zu betrachten. Welchen Einfluss Medien auf das Selbstbild ausüben und welche Folgen idealisierte Körperbilder auf das eigene Ich haben, erklärt uns die Medienpädagogin und Leiterin des Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen Dr. Maya Götz. 

 

WERK 6 Frau Dr. Götz, wieso sind idealisierte Körperbilder vor allem für Mädchen problematisch?

Dr. Maya Götz Das stimmt, im Genderbereich sind nach wie vor deutliche Unterschiede zu erkennen, obwohl wir für Mädchen viel stärkere Vorbildfiguren haben als vor 40 Jahren. Die Heldinnen haben aber immer noch ein bestimmtes Aussehen und den gleichen unnatürlichen Körper. Und im Gegensatz zu früher, wo eher die drei Ks – Kinder, Küche, Kirche – die Ideale der Frau definierten, müssen sie heute in allen Bereichen perfekt sein:  Beruf, Partnerschaft, Erziehung, Haushalt, Sexualleben, Gesundheit und Aussehen. 

W6 Was meinen Sie mit unnatürlichem Körper?

MG Heidi Klum, die mit 46 Jahren noch so aussieht, als wäre sie 16, ist das beste Beispiel. Für Kinder wird dieses Ideal im Zeichentrick sogar noch verschärft. Über die Hälfte der Figuren, die eine Frau darstellen, sind dünner als es überhaupt möglich wäre. Gerade Disney-Figuren haben eine unrealistisch schlanke Taille. 

W6 Welche Folgen haben diese unrealistischen Darstellungen?

MG Sie brennen sich so sehr in die inneren Bilder der Mädchen ein, dass die ihr eigenes Aussehen immer als defizitär betrachten. Kurz vor der Pubertät haben sie nicht die Vision, dass sie irgendwann wie ihre Mutter aussehen könnten, sondern gehen stattdessen davon aus, einmal so wie die Medienfiguren auszusehen. Im Prinzip zeigen das auch die Zeichnungen, die wir hier vorliegen haben. Wir haben ähnliche Studien gemacht. Es war interessant zu sehen, dass Jungen sich oft Stärke wünschen, jedoch kein Problem mit ihrem Körper haben und diesen akzeptieren. 

W6 Aber Disney-Prinzen sehen doch genauso unrealistisch aus wie ihre Prinzessinnen? 

MG Das stimmt. Jedoch wird eine viel größere Bandbreit an Helden gezeigt. Jungen haben verschiedene Vorbilder mit diverseren Eigenschaften. Bart Simpson beispielsweise ist ein Star für Kinder und hat einen Bauch oder Bruder Truck und Little John aus „Robin Hood“ sind leicht übergewichtig. Ein männlicher Charakter kann also mit verschiedenen Körperlichkeiten ein Held sein. Bei Mädchen kommt das überhaupt nicht vor. Eine Heldin muss immer schön und schlank sein.

W6 Was genau macht das mit dem Selbstbild der Kinder? 

MG Über 50 Prozent aller 11- und 15-jährigen Mädchen in Deutschland fühlen sich zu dick, obwohl sie es nicht sind. Es ist nachgewiesen, dass das Gefühl, übergewichtig zu sein, stärker selbstwertmindernd ist, als zum Beispiel Noten oder soziale Aspekte. Das bedeutet, dass diese Selbstminderung nicht durch Schulleistung oder soziale Einbindung zu kompensieren ist. Nach WHO-Studien gehören die Deutschen weltweit zu der führenden Nation im Sich-zu-dick-Fühlen. 

W6 Warum ist dieses Gefühl gerade hier so stark ausgeprägt?

MG Wir sozialisieren unsere Kinder kulturell so, dass wir sie anpassen. Widerstand erziehen wir liebevoll weg. Wir lieben unsere Mädchen, zeigen ihnen, wie man sich in unsere Welt einfügt und erfolgreich ist. Erklären ihnen, dass sie sich gut mit der Erzieherin, gut mit den Lehrern verstehen müssen. Einen Widerstand als Teil der Kultur, wie zum Beispiel in skandinavischen Ländern, gibt es bei uns nicht. In den Niederlanden gilt es als selbstverständlich, die Dinge infrage zu stellen, ins Extrem zu gehen oder an Grenzen zu arbeiten. Wir Deutschen passen uns an und sind schön fleißig. 

W6 Wie wirkt sich das auf unsere Gesellschaft aus?

MG Deutschland liegt auf Platz zwölf des Gender-Equality-Index. Das bedeutet, wir sind im Mittelfeld der EU. Weit entfernt von dem, was wir als Wirtschaftskraft sind, weit entfernt von dort, wo wir eigentlich stehen müssten. Wir sozialisieren die Mädchen stärker in die eine und die Jungen in die andere Richtung, was sich dann in der Berufswahl zeigt. Da sind wir auf dem zweitletzten Platz im europäischen Vergleich. Wir kriegen unsere Mädchen nicht dazu, dass sie sich für MINT-Fächer (Anm. d. Red.: Mathematik, Ingenieurswesen, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) interessieren und Jungen nicht dazu, sich für den sozialen Bereich zu begeistern. Bereits in der vierten Klasse haben Mädchen das Gefühl, sie sind schlechter in Mathe als Jungen, obwohl das nicht der Fall ist. Das liegt daran, dass Mädchen darauf getrimmt werden, perfekt zu sein, keinen Fehler machen zu dürfen. Das lässt sich in MINT-Fächern aber nicht vermeiden.

W6 Wie wirkt sich das auf unsere Gesellschaft aus?

MG Deutschland liegt auf Platz zwölf des Gender-Equality-Index. Das bedeutet, wir sind im Mittelfeld der EU. Weit entfernt von dem, was wir als Wirtschaftskraft sind, weit entfernt von dort, wo wir eigentlich stehen müssten. Wir sozialisieren die Mädchen stärker in die eine und die Jungen in die andere Richtung, was sich dann in der Berufswahl zeigt…

 

Die Fortsetzung des Artikels findest du in der aktuellen Printausgabe.

 

Text: Nadja von Bossel

Bild: Ada, 11 Jahre

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