KUNST OFFSIDE

 

 

Zürich, New York, Berlin und Paris sind die Städte, in denen Dada große Wellen schlug. Die Niederlande bringt man mit der Kunstströmung nicht unbedingt in Verbindung – dabei fand in der holländischen Stadt Drachten die letzte Dada-Soiree ihrer Art statt

Ganz Drachten ertrinkt in mattem Rot. Es ist die Farbe der Häuser aus Backstein, der Zie­gel, des Pflasters in der Fußgängerzone und der schmalen Fahrradwege, die die Straßen säumen. Das Auge sucht nach einem An­haltspunkt, irgendetwas, das heraussticht aus dieser dumpfen Harmonie. Vergeblich. Drachten bleibt als eine von vielen kleinen nie­derländischen Städten in Erinnerung, die bei Regen trist und bei Sonnenschein ganz nett sind, aber viel zu unscheinbar, um dort lange zu bleiben. Dass die Künstler Kurt Schwitters und Theo van Doesburg ihre Dada­Tournee durch Holland ausgerechnet hier haben en­den lassen, erscheint auch noch knapp 100 Jahre später selbst wie ein dadaistischer Akt. Heute erinnert ein Museum mitten im Orts­zentrum an die Kunstströmung. Passender­weise schreibt sich dessen Namen auf seine ganz eigene Art: Museum Dr8888.

 

 

„Dada bedeutete die Freiheit, sich ein beliebiges Medium auszusuchen und zu ent­scheiden, wie man damit auf das reagiert, was ursprünglich als Kunst deklariert wur­de“, erklärt Paulo Martina das Genre. Er ist der Direktor des Dr8888­Museums, das dem Movement bereits vor zwei Jahren eine groß­zügige Ausstellung widmete. 2018, das Jahr, in dem die benachbarte Stadt Leeuwarden Kulturhauptstadt Europas ist, finden erneut diverse Aktionen in Drachten statt, die an den revolutionären Dada­-Geist erinnern sollen. Ihretwegen kommen zahlreiche Touristen in den Ort, besonders viele aus der Schweiz, wo der Dadaismus begründet wurde. Die Nieder­lande blieben während des Ersten Weltkrie­ges genau wie das Alpenland neutral – und boten deshalb theoretisch Platz für ein avant­gardistisches Gedankengut. Doch in Holland wurde der Dadaismus von der Öffentlichkeit nur vereinzelt wahr­- und angenommen. Die Strömung bekam eher negative Presse, so­dass viele Künstler kaum mit ihr in Verbindung gebracht werden wollten.

Theo van Doesburg hatte Dada in sein Heimatland gebracht, nachdem er damit unter anderem in Paris in Berührung gekommen war. Er selbst betrachtete sich als Konstruk­tivist und widmete sich vordergründig De Stijl,

 

 

einer niederländischen Kunstströmung, deren bekanntester Vertreter Piet Mon­drian ist. Unter dem Synonym I.K. Bonset veröffentlichte van Doesburg dadaistische Schriftstücke und gab das Magazin „Mécano“ heraus. 1921 lernte er Kurt Schwitters kennen und lud ihn 1923 in die Niederlande ein, auch, um ihn mit den Brüdern Evert und Thijs Rin­sema bekannt zu machen. Die zwei Schuh­macher aus Drachten hatten sich Kunst und Literatur verschrieben.

 

Theo van Doesburg lud Kurt Schwitters 1923 in die Niederlande ein

 

Thijs Rinsema und Kurt Schwitters soll­ten bald so eng zusammenarbeiten, dass es heute schwierig ist, ihre Arbeiten überhaupt zu unterscheiden. Bei gemeinsamen Spazier­gängen durch die Straßen von Drachten oder die Wälder von Beetsterzwaag sammelten sie Zeitungs-­ und Papierschnipsel auf, aus denen sie Collagen erstellten. Verkaufen ließ sich diese Kunst jedoch nicht. Also wählten die beiden einen pragmatischeren Ansatz und kreierten kleine Boxen zur Aufbewah­rung, deren Äußeres mit den Collagen ver­schönert wurde. Das kam bei den Bewohnern von Drachten besser an, vor allem weil Thijs Rinsema die Boxen auf Hochglanz polierte. Somit wurde Kunst dreidimensional – und die Boxen faszinieren bis heute. „Immer wieder kommen Leute mit solchen Dada­-Boxen und wollen wissen, ob sie von Kurt Schwitters stammen“, sagt Paulo Martina.

 

Dada in Holland wurde nie so groß wie in Berlin, New York und Paris – und überlebte doch am längsten

 

 

Thijs Rinsema und Evert, der überwie­gend dadaistische Schriftstücke verfasste, gerieten nach ihrem Tod zunächst in Verges­senheit. Vielleicht auch, weil Drachten so weit weg von den Dada-­Metropolen dieser Welt liegt und die Brüder viel leiser waren, als die meisten ihrer gleichgesinnten Zeitgenossen. Erst in den 1970er-­Jahren wurde das Werk der beiden wiederentdeckt. Thijs Rinsema hatte sich im Laufe der Jahre neben Dada auch von weiteren Kunstformen inspirieren lassen. Unter anderem entwarf er sogar Mö­bel. Außerdem stammt eines der frühesten abstrakten Bilder, das einen Fußballspieler darstellt, von ihm.

 

 

Die Dada-­Tournee ab dem 10. Janu­ar 1923 durch die Niederlande initiierten Kurt Schwitters und Theo van Doesburg. Gemein­sam mit Nelly van Doesburg und Vilmos Hus­ zár versuchten die Künstler, Dada bekannter zu machen und neue Anhänger für die Bewe­gung zu gewinnen. Anfangs wurde die Tour­nee gut angenommen und besucht, doch der Erfolg sollte nicht bis zum Ende anhalten. Nach der offiziellen Kampagne fanden noch einzelne Veranstaltungen im ganzen Land statt: Die letzte wurde von Kurt Schwitters gestaltet und im Hotel de Phoenix in Drachten ausgerichtet. Thijs und Evert Rinsema saßen an jenem Abend im Publikum.

Dada in Holland wurde nie so groß wie die Schwesternbewegungen in Berlin, New York und Paris. Und doch überlebte sie in den Nie­derlanden am längsten und beeinflusste auch De Stijl – Theo van Doesburg bildete das Bin­deglied zwischen den beiden Kunstströmun­gen. Tatsächlich nahm Dada in Holland aber auch international Einfluss: Der Künstler Paul Citroen, der als Sohn eines niederländischen Pelzfabrikanten in Berlin geboren wurde, wählte Holland als seine Hauptwirkungsstät­te und leitet dort die Dada­-Zentrale. Mit Dada kam er bereits 1918 in Kontakt, die Bewegung inspirierten ihn dazu, Collagen zu erstellen. Seine wohl bekannteste entstand schließ­lich 1923 und wurde Teil der ersten großen Bauhaus-­Ausstellung: „Metropolis“. Das dys­topische Bild einer unübersichtlichen Groß­stadt soll den Regisseur Fritz Lang zu seinem gleichnamigen Film angeregt haben.

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