Der Geist, der stets verneint

Die Trendforscherin Li Edelkoort hat die Mode 2015 für tot erklärt – so wie es Dadaisten vor mehr als 100 Jahren mit der Kunst taten. Die Wahrheit aber ist: Ohne das avantgardistische Movement, das in Zürich begann, hätte die Mode niemals so lange überlebt

 

Mode existiert heutzutage in den banalsten Momenten: Auf Instagram, vor einer Sonnenuntergangkulisse auf Santorin, einer Haustür in Paris, auf You- Tube, wo sie aus massenwei- se Tüten und Kartons vor die Kamera gezerrt wird. Selbst das Blitzlichtgewitter vor einer Modenschau scheint mittler- weile banal geworden zu sein – wenn Objektive wie Zielfern- rohre auf Chiara Ferragni oder Caro Daur in ihren Fendi- und Dior-Komplettlooks gerichtet werden. Wir leben in einer Zeit von demokratischer Mode. Dank Blogs, Live-Streams von Schauen und Social Media ist sie nicht mehr nur für einen elitären Kreis zugänglich, sondern flimmert über handgroße Smartphone-Bildschirme. Jeder kann mitreden. Doch trägt genau diese Entwicklung dazu bei, dass die Mode ihren Zauber verliert?

Was man in sozialen Medien sieht, ist immer das Gleiche: Das, was von Infuencern als neues Must-have proklamiert wird, das, was der Mas- se gefällt und einfach zu verstehen ist. Diese Art von Mode geht einen Kompromiss mit dem allgemeinen Geschmack ein. Und doch sieht sich Mode gleichzeitig auch immer wieder mit der Frage konfrontiert: Wer soll das tragen? Ohne diese Frage hätten es die außergewöhnlichen Entwürfe von Rei Kawakubo für Comme des Garcons, Martin Margiela und Rick Owens niemals zu internationalem Erfolg gebracht. Denn über das, was man attraktiv findet, muss man nicht lange nachdenken. Schönheit stellt keine Fragen. Das vermeintlich Hässliche, Anders- artige hingegen tut es. Es fordert den gesellschaftlichen Konsens über das heraus, was gut, richtig und angenehm für das Auge ist. Jeder Fortschritt basiert auf Provokation – wer nicht nachdenkt oder fähig ist, 

einen anderen Blickwinkel einzunehmen, der verändert nichts. Es ist genau diese Grundhaltung, auf der die wohl einfussreichste, wenn auch kurzlebigste Kunstströmung des 21. Jahrhunderts basiert: der Dadaismus.

Dada passt in keine Schublade. Dada ist vielmehr ein Schrank voller Schubladen, die genug Platz für eine Geisteshaltung in ihren ver- schiedensten Ausdrucksformen bieten. Als die Bewegung ab 1916 Fahrt aufnahm, spielte Mode dabei bereits eine bedeutende Rolle. Hugo Ball präsentierte sein Lautgedicht im Züricher Cabaret Voltaire in einem selbstentworfenen Kostüm, das offensichtlich von der Kleidung eines Pries- ters inspiriert war (später wandte er sich dem Katholizismus zu und wurde streng gläubig). Raoul Hausmann, einer der wichtigsten Vertreter von Dada in Berlin, beschäftigte sich ausführlich mit der Männerkleidung seiner Zeit, versuchte sogar mithilfe von Veröffentlichungen, unter anderem in der Zeitschrift „G“, zu einer Reform beizutragen. Hannah Höch wiederum machte in einer dadaistischen Zeichnung ihre Definition von Mode deutlich: Sie setze sich demnach aus einer Kombination von Expressionismus, Architektur, Einsteins Relativitätstheorie und Ra- dio zusammen, eine abstrakte Gleichung, die beim zweiten Hinsehen jedoch nicht unlogisch erscheint: Der Expressionismus steht für Aus- druckskraft, Architektur für die Schnittführung, die Relativitätstheorie für den Zeitgeist und das Radio für die Veröffentlichung. Dada stellte die gesellschaftlichen Normen und Regeln auf den Kopf – und konnte darum Mode als wichtiges kulturelles Phänomen unmöglich übergehen.
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