Aus dem Nichts kommt Alles

Was ist eigentlich Dada? Kunst? Rebellion? Einfach nur Quatsch? Und was hat Dada eigentlich mit Gänseblümchen zu tun? Robert von Berlershaut hat dem Unsinn sein Leben gewidmet

Wer ins Hinterzimmer der Dada-DeZentrale Berlin kommt, wird beobachtet. Von bunten Fantasiewesen mit Dornenhänden und Klumpfüßen. Von roten, weit aufgerissenen oder winzigen Knopfaugen, die wie Punkte ins Leere starren. Die Wesen lächeln, schneiden Grimassen und sehen aus, als seien sie in einer Malstunde im Kindergarten entstanden. Die Wände sind voll mit ihnen, bis zur vier Meter hohen Decke türmen sie sich, gefangen in kleinen, hölzernen Bilderrahmen.

Anfangs hat Robert Baron von Berlershaut sie noch gezählt. 300 Bilder mit jeweils drei bis sieben „Burschen“, wie er sie nennt, insgesamt etwa 1.800 Geschöpfe. Berlershaut hat sie selbst gemalt. Neben manchen Figuren stehen Wörter wie „FLUGbegleiter“, „Nilreb“, „Gugelhupf“ oder „Suppenhuhn“. Und dann steht da noch immer wieder: „Dada“. Auch im Raum ist das Wort verteilt, prangt auf Plakaten und Buchrücken, an den Wänden der Toilette und über dem Haupteingang.

 

Auf die Interviewanfrage vor einigen Wochen antwortete Berlershaut am Telefon kryptisch. Er klingt, als ob er die Frage nicht versteht, und benutzt statt einer Anrede die dritte Person: „So so, er möchte also nichts von Dadaisten wissen.“ – „Ähm, eigentlich schon!“ – „Aber Dadaisten existieren doch gar nich’, nich’ wahr?“ Berlershaut wartet ab, als würde er Zustimmung hören wollen. „Eigentlich existiert gar nichts, deshalb ruft man doch immer ‚Das gibt’s doch nicht!‘, wenn man was Tolles sieht, nich’ wahr?“

Robert von Berlershaut sitzt in der Dada-DeZentrale in Charlottenburg am Tisch und schlürft einen Oolong-Tee. Er ist 69 Jahre alt und sieht nach verschrobenem Künstler aus: blaue Pünktchensocken, weißes, zerknittertes Hemd, drei Knöpfe offen. Graue, schulterlange Haare, Stoppelbart. Früher könnte er ein großer, stattlicher Mann gewesen sein, nun ist sein Rücken gekrümmt. Aber Alter und Zeit gebe es sowieso nicht, „zu Zeit gehört ja immer Zeitverschwendung“, sagt er.

Dackelscheisse und Philosophenfürze

Eine Unterhaltung mit Berlershaut gleicht einem Gespräch mit einem Betrunkenen, der erratisch durchs Fernsehprogramm zappt. In beiläufigem Plauderton sagt er Dinge wie: „Ich kann ihm leider nur einen Fossilgugelhupf anbieten, aber dieser Bursche ist gut essbar, da kann man sogar mit einem wackligen Gebiss reinbeißen.“ Dann lädt er nach, schaut auf die Straße, wechselt das Thema, schießt wieder: „Hunde sind doch arrogante Tiere, nich’ wahr? Wenn ein Dackel auf die Straße scheißt, hebt Herrchen die Tüte auf und spaziert damit durch die Gegend. Umgekehrt würde der Dackel das nie machen!“

Von Dackelarroganz springt er zu Spießern und Philosophen. Über Ludwig Wittgenstein, Autor der Logisch-philosophischen Abhandlung und dessen Einsatz im Ersten Weltkrieg behauptet er: „An der Front war es nachts manchmal langweilig, also zündete man sich gegenseitig Fürze an.“ Berlershauts Miene sieht dabei aus, als würde er eine Grabrede vortragen. „Das hat der Feind bemerkt. Erst brannte es hinten, dann brannte es vorne und daraus wurde dann eine zündende Idee.“

Vieles, was Berlershaut von sich gibt, klingt wie eine Revolte gegen jeglichen Sinn. Er sagt „Er“ statt „Du“, „Könnte man annehmen“ statt „Ja“. Dass man ihn „Künstler“ nennt, hält er für unangemessen, eher sei er ein „sogenannter Künstler“. Schließlich mache er auch noch ein bisschen Musik, schreibe ein bisschen, backe ein bisschen. Wenn er eine Geschichte erzählt, hängt er an jeden Satz ein „nich’ wahr?“ an, es wirkt unschuldig, aber taxierend, fast wie ein Köder, ob man den vermeintlichen Quatsch wirklich schluckt.

Über den Oolong-Tee merkt man, dass Dada mehr als ein Teil von Berlershauts Lebens ist. Wenn er von Dada erzählt, klingt seine Stimme kräftig, als halte er einen Vortrag. Vor vier Jahren gründete er die Dada-DeZentrale, die gleichzeitig auch das Dada-Künstlercaf. ist. Morgens gibt es Dada-Frühstück (Bäckerbrötchen, Landwurst, Obst, Käse), nachmittags Dada-Kuchen (Gugelhupf). Seine Werke verkauft er online als Dada-Kunst. Seine Bücher signiert er mit seinem Dada-Stempel, „zertifizierten Unsinn“ nennt er das. Als Hommage an 100 Jahre Dada sammelt Berlershaut 100-jährige Dinge: Schuhleisten, die bunt angepinselt im Café verteilt sind. Die Gugelhupf-Formen, mit denen Berlershaut backt oder das verstimmte Klavier, auf dem er manchmal Jazz klimpert.

„Was bedeutet Kunst für Sie?“ –

„Kunst ist das, was der Künstler macht.“

„Und der Sinn des Lebens?“ –

„Besteht auch nur aus bewegen, atmen und irgendwann länger nicht mehr atmen.“

Was Dada genau sein soll, bleibt – auch für Berlershaut – vage. Bereits die Berliner Dadaisten um Raoul Hausmann erklärten Dada eher mithilfe einer Frage, statt einer Antwort. In der Zeitschrift Der Dada von 1919 heißt es: „Was ist Dada? Eine Kunst? Eine Philosophie? Eine Feuerversicherung? […] Ist Dada wirklich Energie? Oder ist es Garnichts, d.h. alles?“

Wie definiert man eine Bewegung, die Pinkelbecken zu Kunstwerken erklärt? Deren Künstler sich „Oberdada“ nennen? Oder sich als „Magischer Bischof“ verkleiden und dann „jolifanto bambla ô falli bambla“ schmettern?

Wer Dada begreifen will, müsse sich mit den Anfängen beschäftigen, erklärt Berlershaut. In der Spiegelgasse 1 in Zürich traf sich 1916 eine Gruppe junger Kreativer und überlegte, wie sie die Kunst zerstören kann. Am 5. Februar gründete Hugo Ball mit seiner Freundin Emmy Hennings und Tristan Tzara das Cabaret Voltaire. Eine Mischung aus Künstlern, Schriftstellern, Musikern, darunter Hans Arp und Richard Huelsenbeck, stießen dazu. „Sie waren Einzelgänger“, sagt Berlershaut, „verbunden durch den Gedanken: ‚Pass mal auf, eigentlich ist doch alles scheiße.‘“

„Dusch-Kamps Klo sollte zeigen, wie beschissen die Lage war“

Die Schweiz war das Auffangbecken für alle, die gegen die spießbürgerlichen Werte der Gesellschaft protestierten. „Künstler mussten damals so authentisch wie ein Fotoapparat malen“, sagt Berlershaut. „Und das wollten Dadaisten ändern.“ In Berlin entstanden die ersten politischen Dada-Collagen: Schnipsel mit nackten Frauenbrüsten unter dem Kopf von Kaiser Wilhelm II. In Hannover gründete Kurt Schwitters seine Anti-Kunst-Bewegung MERZ. Und in New York kreierten Dadaisten die ersten Readymades – Alltagsobjekte, die zur Kunst erklärt wurden. „Dusch-Kamps Klo sollte zeigen, wie beschissen die Lage damals war“, sagt Berlershaut. Gemeint ist Marcel Duchamps Fountain, ein Urinal, das er 1917 als anonymer Künstler bei einer Kunstausstellung einreichte.

„Im Grunde ist Dada Komik und Satire“, sagt Berlershaut. „Man nahm Dada ernst, aber es war nie ernsthaft gemeint.“ Obwohl sich Dada über den halben Erdball ausbreitete, zerstreuten sich die Dadaisten keine zehn Jahre nach der Gründung wieder. Die letzten Dadaisten starben vor etwa 40 Jahren, als Berlershaut mit der Malerei anfing. Was also bringt einen Mann rund 100 Jahre nach dem Höhepunkt der Bewegung dazu, sein Leben Dada zu widmen?

Der einzige Hinweis auf Berlershauts Vergangenheit lehnt an einem kniehohen Stapel Bücher. Auf dem gerahmten Foto trägt er Smoking und Fliege, ist glattrasiert, „08. April 1970“ steht darunter. Er war damals 21 Jahre alt. Früher habe er viel Musik gemacht, sagt er. Genaueres verrät er nicht. Was zähle, sei die jetzige Existenz. Auch bei Dada gehe es darum, um das „reine Dasein“, sagt er. „Der eine ist da, und der andere auch“, Berlershaut hat darüber ein Lied geschrieben, Hauptfiguren sind „Einer“ und „der Andere“. Darin erzählt der Eine dem Anderen etwas. „Und so kommt man von Einem zum Anderen“, sagt er. „Es klingt nach nichts, aber dieses Nichts ist ja ’ne ganze Menge.“

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Das Nichts ist für Berlershaut das Einzige, was übrig bleibt und das Einzige, worauf man sich verlassen könne. Während andere Künstler sich in ihren Werken die großen Fragen des Lebens stellen, gibt Berlershaut einfache Antworten: „Was bedeutet Kunst für Sie?“ – „Kunst ist das, was der Künstler macht“, sagt er. „Warum werden Menschen krank?“ – „Weil sie krank sind“, sagt er. „Und der Sinn des Lebens?“ – „Besteht auch nur aus bewegen, atmen und irgendwann länger nicht mehr atmen“, sagt er.

Berlershaut weicht nicht aus, für ihn seien nur die Fragen falsch gestellt. „Zu Kant-ig“, sagt er und kichert über seinen Wortwitz. Antworten gehörten zur Aufklärung, „zu Immanuel“, wie Berlershaut den „Erzfeind von Dada“, Immanuel Kant, nennt. Deshalb wirkt es fast wie ein dadaistischer Witz, dass er das Dada-Künstlercafé ausgerechnet in der Kantstraße 87A eröffnete. Wenige Häuser entfernt wohnte in den 1920er-Jahren Richard Huelsenbeck, ein Mitbegründer der Berliner Dada-Szene. Ein Andenken an ihn sucht man dort vergebens. Dafür einen Waffelladen mit Wandzeichnungen, wo Batman dem Joker Erdbeersoße auf die Haare spritzt.

Unsinn ist heute längst kein Etikett mehr, das nur für Dadaisten gilt. Im Internet findet man malende Hausschweine, deren Bilder für Tausende Euro verkauft werden. Es gibt Modeschöpfer, die Abendkleider aus rohen Fleischstücken entwerfen und Rapper, die mit Songtexten wie „Poopy-di scoop / Scoopdiddy-whoop“ die Charts erobern. Provokative Kunst für ein Publikum, das bereits an Provokation gewohnt ist. Keiner der Akteure hat sich je zu einem dadaistischen Bezug geäußert. Doch sobald jemand verwirrt fragt: „Ist das Kunst?“, lebt Dada weiter.

„Es ist wie bei Gänseblümchen“, sagt Berlershaut. „Auch wenn sie im Winter versteckt sind, kommen sie im Frühjahr wieder raus.“ Manchmal sehe man Dadaisten saisonbedingt nicht, aber plötzlich tauchen sie aus dem Nichts wieder auf. „Und da sind wir wieder bei dem, worum’s eigentlich geht“, sagt Berlershaut, schlurft an sein 100-jähriges Klavier und beginnt zu spielen.

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