Eine für Alle

Mit seinen gesellschaftskritischen und politischen Kunstwerken bringt das Frauen-Kollektiv The Live Wild Collective den anarchischen Spirit des Dadaismus zurück

Digital Communications von Charlotte Fos (2015 – Ongoing)

Familiar Gestures von Camille Lévêque​ (2017 – Ongoing)

 

With All This Darkness Round Me I Feel Less Alone von Lucie Khahoutian (2016)

 

The Price Of A Black Life In America von Ina Lounguine (2015)

Universal Truth von Camille Lévêque (2017)

                                                  With All This Darkness Round Me I Feel Less Alone von Lucie Khahoutian (2016)

Es ist eine streitbare Aussage. Aber aus dem Mund von Camille Lévêque klingt sie selbstbewusst: Für eine Frau sei es nicht schwerer als für einen Mann, in der Kunst erfolgreich zu sein. „Man kann natürlich die Opferrolle annehmen und beklagen, dass Künstlerinnen noch immer nicht die gleiche Präsenz haben wie Künstler.“ Oder man kann etwas dagegen tut: Frustriert von den Grenzen in der Kunst gründete die französische Fotografin Camille Lévêque 2014 das Kunstkollektiv The Live Wild Collective, mit dem sie sieben jungen Künstlerinnen eine Plattform für Fotografien, Collagen, Gifs, Still Lifes und Videos eine schaffte.

Auf die Werke von The Live Wild Collective muss man sich einlassen. Jede Arbeit ist eine Fantasiewelt – voller Widersprüche, Kritik und Protest an Gesellschaft und Politik. Man wird durch das Betrachten sensibilisiert, vielleicht sogar ein bisschen klüger, auf jeden Fall regen die ambivalenten Filme und Fotos des Kollektivs zum Nachdenken an.

„Kunst ist eine Art der Revolution. Wir sind die Stimme der Menschen zu den Menschen über die Menschen.“

Der Kurzfilm Chaos Disco von Ina Lounguine aus dem Jahr 2018 besteht aus vielen kurzen Videosequenzen. In einer spricht Osama bin Laden und wird von tanzenden Zeichentrickfiguren unterbrochen. Leichen werden aus Trümmern gezogen, eine Frau gerät in Ekstase, ein Mann stellt sich vor einen Panzer, junge Menschen tanzen und ein Flüchtlingsboot sinkt – Aspekte von Flucht und Krieg, künstlerisch verarbeitet.

Auf einem Schulfoto der Bildstrecke The Price of a Black Life in America zerkratzte Lounguine das Gesicht eines dunkelhäutigen Mädchens mit einer Schere und kommentiert so den Alltagsrassismus in den Vereinigten Staaten. Lucie Khahoutian fotografierte für ihre Strecke Infinite Travels zwei verschleierte Menschen, die sich küssen, und thematisiert damit subtil Sexualität in muslimischen Ländern.

Lévêque hat ihre Ziele klar formuliert: „Wir kämpfen gegen die Klimaerwärmung, gegen unterdrückende Politik, soziales Ungleichgewicht, Rassismus und Mangel an Bildung.“

Die Mitglieder von The Live Wild Collective Charlotte Fos, Anna Hahoutoff, Marguerite Horay, Ina Lounguine, Lucie Khahoutian, Lila Khosrovian und Camille Lévêque, alle zwischen 22 und 34 Jahre alt, stammen, aus unterschiedlichen Teilen der Welt. Die Künstlerinnen haben sich noch nie an einem Ort zur gleichen Zeit getroffen: „Wir skypen täglich, teilen eine große Dropbox und helfen uns gegenseitig“, sagt Lévêque. „Unsere Arbeiten sind zwar verschieden, aber man erkennt eine Linie. Wir haben viel gemeinsam – sei es der Geschmack oder unsere persönliche Geschichte. Wir alle haben einen multikulturellen Hintergrund, unsere Familien sind alle immigriert.“

 

  The Tales We Used To Tell von Lucie Khahoutian (2014 – Ongoing)

Digital Communications von Charlotte Fos (2015 – Ongoing)

Das Onlineportal, auf dem das Kollektiv die Kunst zusammenbringt, sieht Lévêque als dauerhafte Gruppenausstellung: „Unsere Werke sind für Online gedacht, die Präsentation im echten Leben kümmert uns nicht.“ Statt Galerien oder Museen nutzt das Kollektiv die Webseite und ihren Tumblr-Account als Plattform, auf der sie ihre Kunstwerke für jeden kostenfrei zugänglich machen.

So wie die Fotostrecke Dads von Lévêque aus dem Jahr 2016: Auf alten Familienfotos, die sie auf Flohmärkten fand, hat die Künstlerin die Köpfe der Väter mit Photoshop entfernt. Ein braunhaariges Mädchen sitzt auf dem Schoß eines kopflosen Körpers, auf einem anderen Familienfoto hocken Mutter, zwei Kinder und eine männliche, kopflose Gestalt vor dem Kamin. Spielen Väter keine Rolle im Familienleben? Oder sind Männer für Camille Lévêque etwa gesichtslose Wesen?

Floral Chaos von Lila Khosrovian (2017)

With All This Darkness Round Me I Feel Less Alone von Lucie Khahoutian (2016)

Camille Lévêques Künstlerinnenkollektiv ist in Wirklichkeit ein großes Experiment: Offiziell sind sie zwar zu siebt und jede Künstlerin meldet sich immer wieder separat zu Wort. Tatsächlich arbeitet Lévêque jedoch allein. Charlotte, Anna, Marguerite, Ina, Lucie und Lila – die ersten Buchstaben hintereinander gelesen, ergeben ihren Vornamen Camille. Léveque hat sich die restlichen Mitglieder samt deren Biografien und Statements nur ausgedacht und erinnert so humorvoll an die künstlerische Tradition der Verwirrung. „Auch der Dadaismus war dafür bekannt, sich über die Fehler der Gesellschaft lustig zu machen“, sagt Lévêque und bekennt, die Presse gern über den Wahrheitsgehalt ihrer Fantasie im Dunkeln zu lassen: „Ich richte mich nach den Journalisten. Wenn sie wissen, dass ich alleine das Kollektiv bin, gebe ich es natürlich zu. Wenn nicht, lasse ich sie in dem Glauben.“

Zudem hat Lévêque mit ihren sechs weiteren Identitäten für sich eine Freiheit entdeckt, die ihr erlaubt, mit verschiedenen Techniken und Medien, aber auch verschiedenen Charakteren und Nationalitäten zu experimentieren. Sie ist viele – und kann so mehr Stile ausprobieren, mehr Aussagen treffen, eine höchst diverse, artifizielle Welt erschaffen. Davon lebt ihr – ganz persönliches – Kollektiv.

Autor: Alexandra K.

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