Zwischen Traum und Wirklichkeit

Die Geschichten, die Bibi Cornejo Borthwick mit Ihren Fotografien und Filmen erzählt, sind leise. Doch sie wirken lange nach. Die 26 Jährige ist gerade dabei, einen neuen Stil in der Modefotografie zu etablieren.

Zum ersten Mal fotografiert wurde Bibi am Tag ihrer Geburt, am 26. Mai 1991, in Paris, von ihrem Vater, dem Modefotografen Mark Borthwick. Durch die künstlerischen Berufe ihrer Eltern – die Mutter, Maria Cornejo ist Designerin wuchs wuchs sie in einem kreativen Umfeld auf, das sie und ihre heutige Arbeit formte. Mittlerweile ist die US-Amerikanerin Bibi Borthwick nicht nur für ungewöhnliche Modefotografien und ausdrucksstarken Porträts bekannt, sondern auch für ihre dramatischen Landschaftsfotografien und Modefilme.

In einem Fotoshooting für das Modelabel Josephoffenbart sich ihr spezieller Stil.
 Die Bilder zeigen eine Frau mit zerzausten, kurzen, hellbraunen Haaren, die oberkörperfrei und mit gestrecktem Arm  die eben noch getragene Jacke hochschleudert und sie nur noch am  Kragen festhält. Dazu trägt sie eine zu große Männerhose und blickt gegen eine weiße Wand. Solche Bilder sind in der Modewelt eher selten: das Model mit vom Betrachter weggedrehtem Gesicht, halb angezogen in riesigen Kleidungsstücken. Ihre Körpersprache und die Bewegung im Bild lassen mehr auf ein Kunstwerk,
als auf eine Werbefotografie schließen.

Bibi Borthwicks Fotos wohnt ohnehin etwas Kunstvolles inne.
So erschafft sie eine neue Sicht- und Darstellungsweise auf die Mode.
In ihren Arbeiten experimentiert sie mit Bewegung, Tragweise und Silhouetten. Kleider werden nie schlicht präsentiert, Models spielen mit dem Kleidungsstück, bewegen und verlieren sich darin. Der Prozess des Anziehens, die verschiedenen Tragvariationen, das Strapazieren und Spielen mit der Kleidung werden abgebildet. Dabei bleiben Hintergrund und Kulisse meist schlicht oder sind sogar gar nicht vorhanden, die Aufmerksamkeit konzentriert sich allein auf die Kleidung.

Gern lichtet Borthwick das Model zudem in eher unvorteilhaften Positionen ab. Sie stopft ihm Kissen in die Hose, lässt es die Kleidung falschherum tragen oder fotografiert es nackt, während die Garderobe daneben liegt. So überrascht sie jedes Mal mit einem neuen, individuellen Zusammenspiel zwischen Mensch und Kleidung: „Meine Inspiration dafür kommt weniger von anderen Fotografen oder Fotos als von der physischen Welt, die mich umgibt. Grafische, geometrische Formen interessieren mich, in der Mode wie in der Architektur.“

Bibi Borthwicks legt sich in ihrer Motivwahl nicht fest. Von lebendigen Porträts wie das von Rapper ASAP Rocky über kunstvolle Modestrecken für Prada oder Chanel, bis hin zu romantisch verträumten Landschaftsaufnahmen sucht sie überall einen eigenen visuellen Zugang. Ihre Modefilme für internationale Modehäuser wie Comme des Garcons aus Japan oder Céline aus Frankreich ermöglichen dem Betrachter einen neuen Bezug und eine andere Wahrnehmung von Kleidung.

Manchmal stellt Bibi die Linse extra nicht scharf, ein anderes Mal spielt sie mit dem Licht, dann mit der Perspektive oder zeigt nur einen Ausschnitt: Ihre Arbeiten lassen den Betrachter Teil einer intim beobachteten Handlung werden. So bilden die Fotos eine unbeschwerte surreale Welt ab – eine freie Welt.

(Auszug aus dem Artikel im WERK IV, Sommer 2017)