Zwischen Surrealismus und Wahrheit

Collage, Skulptur, Video, Musik, Computer Programming und Performance: Der US-amerikanische Künstler Rashaad Newsome sprengt mit seinen interdisziplinären Arbeiten die Grenzen der Kunst und kritisiert damit die Machtstrukturen unserer Gesellschaft.

 

Wild Magnolia, 2013

Man stelle sich Samtmäntel der Renaissance vor und füge Bilder von Einhörnern, Löwen, Kronen aber auch Lamborghinis, Louis-Vuitton-Logos, mit Diamanten besetzte Rolex-Uhren und üppige weibliche Hinterteile aus HipHop-Musikvideos der 90er-Jahre hinzu: So entwirft Newsome Statements, die klassische Werke durch Elemente der „niedrigen Kultur“ aufbrechen und das Elitäre der Kunst infrage stellen. An kulturspezifischem Material ist der Künstler aus New York nicht interessiert, sondern bedient sich für seine Collagen in urbanen Magazinen wie XXL und The Source, um den mit Ghetto assoziierten Symbolen wie Goldkette, Autoteile und Marihuana (New Bling) elitäre Elemente aus Katalogen von Luxusmarken (Old Bling) entgegenzusetzen. Dicht aneinandergereiht verschmelzen die Bilder auf diese Art zu üppig-barockigen Collagen, in denen durch copy and paste Strukturen entstehen, die durch ihre Dynamik an Pinselstriche erinnern und deren Farben und Kompositionen zweifelsohne die Kunst der Renaissance imitieren.

 

 

Der heute 38-jährige Newsome studierte bis 2004 in New York Kunstgeschichte und digitale Postproduktion und lebte danach einige Jahre in Paris und Deutschland. In dieser Zeit entstanden Collagen wie Herald und Let Them Eat Cakes, für die er sich von typisch europäischen Wappen inspirieren ließ. Denn diese stehen für ihn im klaren Kontext zur HipHop-Kultur: „Heraldische Tradition charakterisiert für mich den Kern des HipHops“, sagt Newsome. „Es ist eine selbstbezogene Kunstform, besessen von Status, Klasse und vergoldeten Accessoires. Und von Monarchie: Jeder will der König im HipHop sein.“

 

When You Get Your Hair Done for the Family Barbecue and You Know it Looks Good, 2015

Auch in der heutigen Mode sieht er den Status repräsentiert: „Nahezu jedes Modehaus schmückt seine Kleidung plakativ mit einem Wappen, dem Logo. Mit deinem T-Shirt, auf dem ganz groß ‚Balmain’ draufsteht, zeigst du – ähnlich wie bei einem Familienwappen: das ist meine Klasse, das ist mein Status, das bin ich.“

Manchmal, gibt Newsome zu, tut er sich schwer, mit Bildern zu arbeiten, die die amerikanischen imperialistischen, rassistischen und patriarchischen Strukturen präsentieren. Dies hat er in seiner Ausstellung Orders of Chivalry thematisiert:

„An Chivalry habe ich fünf Jahre lang gewerkelt. Es ist nicht immer leicht, all dies aufzuarbeiten, aber ich fühle mich verpflichtet, den Außenseitern als Sprachrohr zu dienen.“  Seine Kunst fordere dazu auf, Platz für Selbstentfaltung bereitzustellen, vor allem dann, wenn die dominantere Kultur nicht inklusiv agiert – und schwarze Künstler als, wie er sagt, „Unkraut“ der Gesellschaft sieht.

Sein Outsider-Bewusstsein stammt aus Newsomes Bindung zur Voguing-Kultur. Dass seine Kunst nicht nur die HipHop-Machos, sondern auch die US-amerikanische schwarze Queer-Szene begeistert, scheint für ihn keineswegs ein Widerspruch zu sein. Vielmehr spiegeln diese paradoxen Welten Newsomes persönliche Leidenschaften und Erfahrungen wider: Er wuchs in den 80er-Jahren in New Orleans auf – und erlebte dort den Boom des Voguings, einem Tanzstil, der sich aus der LGBTQ Community entwickelte. Er selbst bezeichnet sich als queer.

 

 

 

„HipHop und Vogueing repräsentieren für mich einen zeitgenössischen heraldischen Prozess. Der Kampf um Macht und Status wird hier innerhalb der Kulturen durch Bling Bling, Rap und Vogue-Battles ausgetragen“, sagt Newsome. In seiner Videoperformance King of Arms führt er, verkleidet als moderner HipHop-Wappenbote, einen Marsch durch die Straßen seiner Heimatstadt New Orleans an. Zahlreiche Vogue-Tänzer folgen ihm zum Beat der Musik. Für seine Performance Five arbeitete er mit Tänzern und Tänzerinnen an einer Reappropriation von verschiedenen Stilen wie Jazz, Ballett, HipHop und Voguing. „Wir leben in einer Gesellschaft, die andauernd appropriiert, hinzufügt, wieder aneignet und so weiter. Das habe ich vor allem mit Shade Compositions kommentiert.“ Hier zeigte Newsome Frauen, die durch aus der afroamerikanischen Community bekannte Gesten wie Fingerschnippen mit Vorurteilen spielen. Newsome setzte die Körpersprache, die als ghetto angesehen wird, in einen neuen Kontext und zelebrierte das Stigma der black angry woman,  der wütenden schwarzen Frau.

Newsome widersetzt sich dem kulturellen Essentialismus, indem er Symbole der Popkultur mit ihrer Bedeutung und Funktion in einen anderen Kontext setzt und neue sozialkritische Codierungen schafft. Damit führt er uns an die Schnittstelle zwischen Surrealismus und Wahrheit. Er kommentiert durch das Auge der schwarzen queeren Subkultur und nutzt verschiedene Medien, um Inhalte zu transportieren. Seine Collagen sind kitschig und gleichzeitig politisch, die Performances unterhaltsam und unbequem. Für Newsome bedeutet Kunst, die Diskussion zu eröffnen.