Sind wir abgestumpft, Herr Fehm?

„Vor 10 bis 20 Jahren war es provokant, gewisse ästhetische Grenzen zu überschreiten, wie mit dem Heroin-Chic oder mit allem, was in eine sexuelle Richtung ging. Das ist jetzt vorbei.

In der Realität der digitalen Kanäle ist jedes Tabu schon einmal gebrochen worden, und ich denke, dass Sex alleine nicht mehr ausreichend provokant ist. Was dennoch funktioniert ist, wenn bestimmte Spannungen erzeugt werden, mit denen man im ersten Moment nicht rechnet.

Provozieren heißt für mich, dass ich eine Art emotionale Reaktion erzeuge, die auf den ersten Blick vielleicht gar nicht gewollt ist. So etwas erzeugt man durch eine Reibung –  die einen finden es toll, die anderen finden es furchtbar. Das ist für mich Sinn und Zweck von Werbung, dass sie in irgendeiner Form einen nachhaltigen Eindruck erzielt. Man kann sich natürlich drüber streiten, wie weit man gehen darf oder muss.  Alles, was in Richtung Wertaussage geht, ob über das Geschlechter-Thema oder Drogen, katapultiert einen relativ schnell in einen provokanten Bereich. Das Thema Sex Sells finde ich persönlich mittlerweile langweilig. Es hat schließlich jeder inzwischen schon einmal die Werbung für Calvin-Klein-Unterwäsche gesehen.

Für mich gibt es auf jeden Fall Tabus oder Grenzen der Provokation in der Werbung.  Zum Beispiel Kinder: Da gelten Regeln, die nichts mehr mit gutem oder schlechtem Geschmack zu tun haben. Genauso wie bei Gewalt oder gewaltverherrlichenden Themen. Diese Dinge überschreiten die rote Linie. Ich bin dennoch ein Verfechter von Eigenverantwortung, anstatt ständig nach einem gesetzlichen Rahmen zu schreien. Ich kann mir auch vorstellen, dass es Grenzen bei dem Thema Religionsdarstellung gibt. Besonders in heutigen Zeiten würde ich keine Anfeindungen gegen den Islam oder Kopftücher bringen: Erstens provoziert so etwas nicht in die richtige Richtung und zweitens kann es Menschen emotional verletzen. Da wäre ich sehr vorsichtig, und genau das meine ich mit Eigenverantwortung. Ohne dass ich jetzt sage: Keiner darf Frauen mit Kopftuch darstellen. Man muss nur überlegen, ob eine Provokation womöglich eine Aktion auslösen kann, die gesellschaftspolitische Hintergründe hat. In Wahlkampfkampagnen gibt es oft Bilder, die ich persönlich geschmacklos finde. Ein Kreativer versucht genau das bis zum Ende auszureizen.“