Gentleman nach Maß

Egal, was gerade Trend ist – mit einem Anzug liegen Männer nie falsch. Wenn die Qualität stimmt, kann ein klassischer Zwei- oder Dreiteiler stilistisch nicht aus der Mode kommen. In Ländern wie Italien oder England wird er häufig maßgefertigt getragen, doch mittlerweile wächst auch bei Männern in Deutschland das Bewusstsein für Anzüge, die aus hochwertigen Materialien handgefertigt werden und wie eine zweite Haut sitzen. Eines der meist angesehenen Maßschneider- Ateliers in Berlin ist Purwin & Radczun. 

An den Kleiderstangen im Berlin-Kreuzberger Atelier hängen weiße Hemden und perfekt geschnittene Jacketts. Auf einem großen Holztisch stapeln sich Berge aus Stoffkatalogen. Hier treffen wir Martin Purwin – stilsicher in hellblauem Hemd und grauer Hose zu braunen Lederschuhen – und lassen uns erzählen, was es braucht, um in einem Anzug richtig gute Laune zu bekommen:

„Vor einigen Jahren war ich auf der Suche nach einem zweireihigen Anzug. Sämtliche Kaufhäuser habe ich danach abgesucht – erfolglos. Deshalb haben Boris und ich 2011 unser Atelier für Maßschneiderei gegründet. Keiner von uns beiden ist Schneider, aber wir kennen uns gut in der Branche aus. Ich war Textilkaufmann und Boris ließ seine Anzüge regelmäßig in London und Neapel anfertigen. Wir sind herumgereist, haben uns angesehen, wer Anzüge herstellt, was eine gute Maßschneiderei ausmacht und wie die Modelle in den Geschäften auf der Londoner Savile Row präsentiert werden. Es ging uns nie ausschließlich um Stil. Wir sahen eher eine Marktlücke in Deutschland.

Es gibt bestimmte Regeln beim Tragen von Anzügen, die jeder Mann einhalten sollte. Die Jacke muss das Gesäß bedecken und der Hemdsärmel sollte noch einen Zentimeter aus dem Jackenärmel herausschauen. Kardinalfehler in Deutschland ist, dass die Hose viel zu lang ist! Von oben bis unten muss sich eine gerade Linie bilden. Ist sie zu lang, ergeben sich unten Falten. Das sieht unordentlich aus. Trotzdem bestehen viele darauf, weil sie es unangenehm finden, die Socken zu zeigen. Selbst als Experte kann man nichts dagegen tun.

Ein Freund von mir sagte einmal: ‚Turnschuhe sind zum Turnen da.’ Das finde ich nicht. Vans oder Segelschuhe, T-Shirt und Anzug sind eine tolle Kombination im Sommer. Hemd und Krawatte mit Turnschuhen am Abend sind aber unpassend. Wenn es um Bequemlichkeit und Eleganz gehen soll, warum lässt man sich dann nicht lieber ein Paar Maßschuhe anfertigen? Die sind bequemer als Turnschuhe und sehen eleganter aus. Auch beim Smoking gibt es wichtige Regeln. Krawatten sind tabu – schwarze Fliegen erwünscht! Das Material muss klassisch sein. Lustige Kombinationen sind nicht angebracht. Sinn hinter der Abendgarderobe ist es, dass alle gleich aussehen und die Persönlichkeit erst im Gespräch zum Vorschein kommt.

Hält man sich an all diese Regeln, ist man zwar gut gekleidet, hat aber nicht automatisch guten Stil. Dazu gehört noch etwas mehr. Ein angebrachtes Verhalten zum Beispiel oder sich nicht nur von Junk-Food zu ernähren, da es einfach ungesund ist auf Dauer. Stil ist die Art, sich zu geben, zu essen – das ganze Paket eben. Und was viele vergessen: Sich auch mal die Fingernägel zu schneiden, damit man nicht allzu verwahrlost aussieht.“ (Auszug aus WERK VI/Sommer 2017)