Erste Wahl, zweite Hand

Für Jeanne de Kroon Stil weniger mit Mode, als mit Bewusstsein und Einstellung zu tun. Sie selbst musste viele Phasen durchleben, um ihren ganz eigenen Stil in Indien zu finden.

Fast-Fashion, Schnelllebigkeit, Kommerzialisierung – davon distanziert sich Jeanne de Kroon. Für ihr Label Zazi Vintage arbeitet die 23-Jährige Designerin mit Frauen in Indien und Usbekistan zusammen, um ihnen einen Job und eine Perspektive zu geben. Sie entwirft Kollektionen, die in hochwertiger Handarbeit dort lebender Frauen genäht werden und koordiniert ihre Aktionen eng mit verschiedenen NGOs, die Menschenrechtsziele verfolgen. Auf diese Weise verbindet sie Nachhaltigkeit und Frauenpower.

Die 23-jährige Jeanne Margot de Kroon stammt aus einer Familie in den Niederlanden. Ihr Vater ist Dokumentarfilmer, ihre Mutter, eine ehemalige Modejournalistin, doziert heute als Professorin überKunstgeschichte – sie weckte in Jeanne die Leidenschaft für Mode. Mit 17 Jahren zieht sie nach Paris und schlägt sich als Straßenmusikerin durch, mit 18 geht sie nach New York. Sie modelt für Elle und Nylon, trägt bei Fotoshoots Chanel, und wird schnell von großen Unternehmen gebucht. Aber New York zeigt ihr, dass Mode nicht das ist, wofür sie es immer hielt.

Ein Reise nach Nepal und Südindien soll ihr Zeit zum Nachdenken geben. „Ich habe dort ein Mädchen kennengelernt, das hat ihr ganzes Leben aufgegeben, um sich für benachteiligte Menschen einzusetzen, die in Fabriken Kleidung für die großen Modekonzerne herstellen müssen. Damals wusste ich noch nicht, dass die Frauen dort 14 bis 17 Stunden am Tag arbeiten und maximal 20 Cent pro Stunde bekommen. Also beschloss ich, sie in ihrem Kampf gegen diese Ungerechtigkeit zu unterstützen.“

Bei einer erneuten Reise durch Indien entdeckt Jeanne an der Grenze zu Usbekistan und Pakistan das wunderschöne, traditionelle Kuchi Kleid, ein afghanisches Hochzeitskleid. Und denkt darüber nach, eine Verbindung zwischen luxuriöser Mode und Nachhaltigkeit herzustellen, Vintage zu benutzen, um Neues zu kreieren. Mit dieser Idee und ein paar Kleidern im Gepäck reist Jeanne zurück nach Deutschland. Mithilfe einer NGO will sie zukünftig Kuchi Kleider in Indien zu fairen Preisen einkaufen, sie in ihrem Onlineshop weiterverkaufen und somit Frauen auf der ganzen Welt miteinander verbinden. Das war die Geburtsstunde von Zazi Vintage im Jahr 2016.

Und Jeanne de Kroon lässt inzwischen auch ihre eigenen Kleider produzieren, die mittlerweile von Prominenten wie Heike Makatsch auf dem roten Teppich getragen werden. Sie nutzt dazu gebrauchte, traditionell gewebte Ikat Stoffe aus qualitativ hochwertigen Seidenfasern, die in Rajasthan, Pakistan und Afghanistan gesammelt werden. Diese sind jedoch teuer im Einkauf, und man braucht 12-13 Meter Stoff für die Herstellung eines Kleides. 18 Euro Produktionskosten pro Kleid zahlt sie den Frauen, mit nur zwei Kleidern können diese so ihr Grundeinkommen für einen Monat verdienen und es sich leisten, ihre Kinder zur Schule zu schicken. Auf diese Weise bietet der Kauf eines Kleidungsstücks von Zazi Vintage nicht nur finanzielle Sicherheit für die Menschen, die es produzieren, sondern man ersteht auch eine ganz individuelle Geschichte, und unterstützt zudem ein lokales Projekt. Im Onlineshop kosten die Ikat-Kleider zwischen 290 und 460 Euro. Trotzdem könne sie mit dem Erlös der Kleider nur in Berlin existieren, gibt Jeanne zu. Zum Abschied erzählt sie von einem Zukunftstraum: „Irgendwann möchte ich wieder nach New York. Aber nicht als Model, sondern mit meinem eigenen Projekt“. Handlungsbedarf gibt es schließlich überall.

(Den ganzen Artikel gibt es in der neuen Ausgabe vom WERK IV zu lesen)