Antistil Kristina Nagel

Die Avantgarde der Anderen

Es ist schon seltsam, welche Faszination Gegensätzen innewohnt. Es ist das Unerwartete, das nicht Berechenbare, das Menschen seit jeher fesselt. Ohne Konflikt und ohne ein Gegeneinander würde jedes Buch nach zwei Kapiteln zugeklappt, jeder Film nach der Hälfte von einem rhythmischen Schnarchen der Zuschauer begleitet. Die Geschichte des jungen Zauberers Harry Potter hätte wohl kaum so viel Anklang gefunden, hätte er sich im Laufe der Handlung nicht immer wieder von neuem seinem Erzfeind Voldemort stellen müssen. Auch Shakespeares Romeo und Julia wäre ohne die beiden rivalisierenden Familienhäuser nur eine weitere einschläfernde Erzählung zweier Liebender gewesen. Geschichten leben von jenen Figuren, die gegen herkömmliche Ansichten aufbegehren. Die den unangefochtenen Helden nur allzu gern die Stirn bieten. Geschichten sind tot ohne ihre Antagonisten. Genau wie die Mode.

Bereits in den 50er-Jahren mischten die Jugendlichen der Beat-Generation die verklemmte Nachkriegsgeneration adretter Hemdträger auf. Mit ihren zottigen Bärten widersetzten sie sich der öffentlich vertretenden Glattrasur. Zwanzig Jahre später krempelten die Punks konventionelle Gesellschaftsbilder mit ihrem rebellischen Charakter radikal um: Ihre provokant gestylten und bunt gefärbten Haare, die Springerstiefel und rissigen Jeans verkörperten alles, was eine zugeknöpfte Konsumgesellschaft nun einmal nicht war. Latent etablierten sie einen Stil, der in seiner Kernessenz bis heute vor allem für eines steht: pure Opposition. Damit sind sie nur ein Beispiel für ein Lebensgefühl, das immer wieder treibende Kraft für den Motor der Mode ist. Denn was wäre ein System nur ohne seine Rebellen, die unter allen Umständen versuchen, dem zu entfliehen, was die Gesellschaft für sie vorgesehen hat?

Wenn man so will, hat auch die Mode ihre Punks: Vor allem Avantgardisten wie Rei Kawakubo und Yohji Yamamoto, die in den 80er-Jahren die Mode kurzerhand umkrempelten. Sie machten das, was keiner machte. Und es funktionierte. In dem bunten Durcheinander der 80er- und 90er-Jahre mochte ihre Mode farblich durch das zurückhaltende Schwarz wohl eher weniger herausstechen, in ihrer Schnittführung jedoch Revolutionäres erzählen. Halb ehrfurchtsvoll, halb belächelnd traten die Journalisten der Japanerin Rei Kawakubo bei der ersten Modenschau ihres Labels Comme des Garçons gegenüber. Als löchrige Fetzen wurden ihre asymmetrischen Entwürfe beschrieben, denen man nur allzu gern den gehässigen Beinamen Hiroshima Chic gab. Ihre Kleider waren wenig schmeichelnd, verformten den Körper, beulten ihn aus. Kawakubos Entwürfe zweifelten das Prinzip der Tragbarkeit von Mode bewusst an, ähnelten eher Kunstwerken als Kleidern, die ihr Dasein an den Stangen namenloser Geschäfte fristeten. Sie passten in keine gesellschaftliche Schublade und forderten gängige Schönheitsideale heraus. Von der damaligen Presse verrissen, ist die japanische Avantgardistin bis heute eine der innovativsten Designerinnen unserer Zeit. Jüngst wurde ihr etwa das Motto der MET-Gala 2017 gewidmet. Kawakubo entlarvt Schönheit als bloßes gesellschaftliches Konstrukt und beweist bis heute auch noch mit 74 Jahren immer wieder eindrucksvoll, dass Rebellion nicht altert.

Was die Japaner begonnen haben, setzen heute osteuropäische Designer wie Gosha Rubchinskiy oder Demna Gvasalia für Vetements fort. Nur eben wieder einmal ganz anders. Mit ihrer eigenen Ästhetik bringen sie Mode in einen
Kontext, der nicht unbedingt neu ist, gerade jetzt aber zumindest danach aussieht. Was Kawakubos schwarze Fetzen waren, sind bei Demna Gvasalia viel subtilere, wenn auch nicht weniger intensive Botschaften: Seine rebellischen Fetzen kommen als quietschgelbes DHL-Shirt oder – wie unlängst bei Balenciaga – als eine an Ikea-Tüten erinnernde blaue Tragetasche daher. Das lässt der gebürtige Georgier mit deutschem Pass dann gern auch einmal 2.000 Euro kosten. Und die Leute zahlen. Denn was für viele „keine Mode mehr“ ist, ist für andere ein gesellschaftlicher Coup; eine neue Ästhetik, die gerade wie eine Welle über den Kontinent Mode schwappt. Ein Stil, den nun einmal nicht jeder versteht. Und doch muss man Gvasalia eines lassen: Es gleicht schon einem Kunststück, den Massen ein Imitat eines Postboten-Shirts oder das Kalbsleder-Pendant der Tragetasche eines schwedischen Möbelhauses als exklusives Designstück goutierbar zu machen.

[…]

(Den vollständigen Artikel mit allen Bildern von Kristina Nagel gibt es im WERK VI/Sommer 2017)
Foto: Kristina Nagel