Am Anfang war der Raum

Gonzalez Haase

1999 gründeten die Architektin Judith Haase und der Set Designer Pierre-Jorge Gonzalez, der zuvor in Paris Filmsets und Theaterbühnen gestaltet hat, ihr gemeinsames Architekturbüro Gonzalez Haase AAS. Wie großartig inszenierte Bühnenbilder wirken auch die von dem Architekten-Duo entworfenen Galerien und Shopkonzepte. Simple Kernessenz eines jeden Raumes bildet dabei vor allem immer eines: Licht. In einer unverkennbaren reduzierten Ästhetik schaffen Gonzalez und Haase Orte, die der Berliner Kunst- und Modeszene einen architektonisch einprägsamen Stempel aufgedrückt haben, darunter etwa der Andreas Murkudis Store in der Potsdamer Straße oder die C/O Galerie im Amerikahaus. Ein Stil, der nicht nur in Deutschland verstanden wird: Der Holzweiler Concept Store in Oslo, die Gary Tatintsian Gallery in Moskau und jüngst auch der Balenciaga Store auf der Rue Saint Honoré in Paris zeugen von Gonzalez’ und Haases klarer Formensprache.

Frau Haase, Herr Gonzalez, erinnern Sie sich an Ihr erstes Aufeinandertreffen?
PIERRE-JORGE GONZALEZ: Als ich Judith das erste Mal in New York sah, kam sie gerade aus Berlin, ich aus Paris. Mit einigen anderen Architekten waren wir mit dem Bau des Kulturzentrums von Robert Wilson, dem Watermill Center in Long Island, beauftragt. Das Interessante bei Judith und mir war, dass wir uns quasi stillschweigend verstanden – im wahrsten Sinne des Wortes.
JUDITH HAASE: Die Verständigung klappte tatsächlich wunderbar im Stillen: Wir kommunizierten über unsere Zeichnungen. Das lag vor allem daran, dass ich kein Französisch konnte und Pierre-Jorge damals nur brüchiges Englisch sprach. Ich konnte sofort sehen, dass er ein unglaublich interessantes Verständnis für Präzision und Konstruktion hat.

Heute entwickeln Sie vor allem spannende Raumkonzepte für die Kunst- und Mode­branche. Wie gehen Sie dabei vor?
PJG: Wir übertragen keine fixen Ideen oder vorgefertigten Pläne auf unsere Projekte. Was wir versuchen, ist, von dem zu profitieren, was uns der bestehende Raum an Möglichkeiten bietet. Wir arbeiten immer mit dem, was bereits existiert. Das ist zuallererst natürlich die Substanz eines Raums: die Säulen, die Wände, der Boden und die Decke. Wir bemühen uns, etwas zu erschaffen, das den Betrachter einen Raum als umfassendes System begreifen und fühlen lässt.
JH: Es gibt keinen signifikanten Unterschied in der Herangehensweise an unterschiedliche Projekte – lediglich der Raum, den wir vorfinden, ist nie derselbe. Wir differenzieren dabei absichtlich nicht zwischen Galerie und Shop. Letztlich wollen wir Mode und Kunst auf dieselbe Weise präsentiert sehen.

Haben denn auch Mode und Architektur Schnittstellen?
PJG: Das Interessante an der Mode ist, dass es letztlich nie nur um die Kleidung geht, sondern auch um all die Menschen und kreativen Köpfe, die dahinter stehen. In der Architektur ist das ähnlich. Am Ende lädt jeder Architekt andere Menschen ein, seine Räume zu betreten – vielleicht sogar, um sich Mode in ihnen anzusehen.
JH: Außerdem sind sowohl die Mode als auch die Architektur äußerst
charakterbezogen. Menschen verleihen sich durch ihre Art, sich zu
kleiden, einen bestimmten Charakter; die Architektur eines Raumes gibt Orten eine gewisse Atmosphäre. An Projekten wie einem unserer aktuellsten mit Balenciaga sieht man, wie eng Mode und Architektur tatsächlich miteinander verknüpft sind.

Wie würden Sie den Stil von Balenciaga definieren?
JH: Demna (Anm. d. Red. Demna Gvasalia, Chefdesigner bei Balenciaga und Vetements) sieht Mode durch die Augen eines Künstlers. Er ist ein unglaublich freier Geist und bringt Design in einen sozialkulturellen Kontext. Es geht nicht länger nur um die Mode selbst, es geht um ein Lebensgefühl. Das ist, was die Modewelt braucht: Menschen wie ihn, die einen unkonventionellen Zugang zur Mode haben.
PJG: Es wollten bereits einige große Häuser wie Céline mit uns arbeiten. Daraus ist nie etwas geworden. Vielen Marken ist es ein ewiger Kampf: Sie kennen diesen und jenen Architekten und können sich in dem Pool an Möglichkeiten nicht festlegen. Mit Balenciaga war das anders: Demna kam auf uns zu, weil er sich bewusst für uns entschieden hat. Er schätzt unseren architektonischen Umgang mit Räumen, weil er sich im Wesentlichen mit dem deckt, was ihm vorschwebte: eine simple, sukzessive Ästhetik.

(Auszug aus WERK VI/Sommer 2017)
Foto, Galerie Berinson: Thomas Meyer